Überdreht, künstlich, gescheiterter Ernst: Susan Sontags Essay „Notes on Camp“ prägt bis heute, wie über queeres Kino gesprochen wird. Was sie schrieb, was Kritiker:innen einwenden und wie du Camp beim Schauen erkennst.
Wer queere Filme schaut, stolpert früh über das Wort „Camp“. Es fällt in Kritiken und Festivalprogrammen. Gemeint ist meist etwas Überdrehtes, Künstliches, absichtlich oder unabsichtlich Übertriebenes. Dahinter steckt ein Gedanke, den Susan Sontag 1964 in einem kurzen Essay festgehalten hat und der seither Filmkritik und queere Kultur begleitet. Dieser Text erklärt, was sie schrieb, was daran umstritten ist und wie sich das beim Schauen anwenden lässt.
Der Essay, der das Wort bekannt machte
„Notes on ‚Camp‘“ erschien 1964 in der Zeitschrift Partisan Review und wurde 1966 in Sontags Sammelband „Against Interpretation“ nachgedruckt. Der Text besteht aus 58 nummerierten Notizen, keine ist ein ausgearbeiteter Beweis. Sontag beschreibt eine Haltung, keine Theorie.
Ihr Ausgangspunkt: Camp sei „eine bestimmte Art von Ästhetizismus“. Es beurteilt Dinge nicht danach, ob sie schön oder gut sind, sondern danach, wie stark sie Kunstgriff und Stilisierung zeigen. Sontag schreibt, nichts in der Natur könne campy sein, Camp sei menschengemacht und meist städtisch. Und: Camp sehe alles „in Anführungszeichen“. Das Leben wird zur Rolle, die jemand spielt.
Was Camp im Film heißt
Für das Kino ergibt das ein paar Merkmale, die Sontag selbst nennt oder die sich aus ihren Notizen ableiten lassen.
- Übertreibung. Sontag bezeichnet den Geist der Extravaganz als Kennzeichen von Camp. Als Beispiele führt sie unter anderem die späten Filme Marlene Dietrichs an.
- Charakter vor Handlung. Camp feiert Figuren, die ganz sie selbst sind. Bei Greta Garbo liege der Reiz nicht in schauspielerischer Technik, sondern darin, dass sie sich selbst darstellt.
- Gescheiterter Ernst. Der wichtigste Satz für Filmfans steht in Notiz 23: Im reinen Camp sei das entscheidende Element Ernsthaftigkeit, „eine Ernsthaftigkeit, die scheitert“. Der Film will etwas Großes sagen und übertreibt dabei so, dass es komisch wirkt.
- Zuneigung statt Spott. Camp ist laut Sontag keine Verachtung. Sie nennt es eine Form des Genusses und der Wertschätzung, ein zärtliches Gefühl, das sich mit dem identifiziert, was es mag.
Dazu gehört die Unterscheidung zwischen naivem und bewusstem Camp. Sontag hält reines Camp für immer naiv: Wer es darauf anlegt, campy zu sein, verfehle meist den Effekt. Ob sich das auf Filme übertragen lässt, die heute mit Camp spielen, ist offen; Sontag schrieb über das Kino ihrer Zeit.
Camp und queere Kultur
In Notiz 51 schreibt Sontag, Schwule seien „im Großen und Ganzen die Avantgarde“ des Camp. Zugleich betont sie, nicht alle Schwulen hätten einen Camp-Geschmack und Camp sei nicht nur schwuler Geschmack. Notiz 52 beschreibt Camp als Selbstlegitimation: Es sei ein „Lösungsmittel der Moral“.
An dieser Stelle setzt die Kritik an. Spätere Forscher:innen aus den Queer Studies haben Sontag vorgeworfen, Camp zu entpolitisieren und seine Wurzeln in der schwulen Kultur zu glätten. Tatsächlich schreibt sie in Notiz 2, die Camp-Haltung sei von Politik und Inhalt gelöst. Aus Sicht dieser Kritik ist das die eigentliche Verkürzung. Sontag selbst nennt Camp „esoterisch“, einen privaten Code, fast ein Ausweis kleiner städtischer Gruppen, und gerade das deutet auf die Schutzfunktion hin, die ein solcher Code für Menschen hatte, die sich nicht offen zeigen konnten.
Das erklärt, warum das Wort heute so unterschiedlich benutzt wird. Für die einen ist Camp ein Stil, für die anderen eine Geschichte von Überleben durch Ironie.
So schaust du mit dem Camp-Blick
Ein paar Fragen helfen, ohne dass du ein Seminar belegen musst.
- Wirkt hier etwas bewusst künstlich, aus Kostüm, Kulisse, Schauspielstil?
- Meint der Film es ernst, und scheitert dieser Ernst auf eine Weise, die dich eher mitreißt als abstößt?
- Merkst du Zuneigung bei den Filmemacher:innen oder Spott?
- Gehört die Übertreibung zur Figur, oder wirkt sie wie ein Gag über andere?
Der letzte Punkt ist wichtig. Spott über queere Figuren ist kein Camp, auch wenn er sich so nennt. Camp im Sinn Sontags gehört denen, die es lieben.
Grenzen des Begriffs
Sontag selbst hält fest: „Nicht alles kann als Camp gesehen werden.“ Camp ist eine Perspektive, und die Betrachterin gehört dazu. Was für die eine ein herrlich überzogenes Melodram ist, bleibt für den anderen einfach ein schlechter Film. Der Satz „Es ist gut, weil es furchtbar ist“ stammt ebenfalls aus dem Essay (Notiz 58), mit dem Zusatz, dass er nur unter bestimmten Bedingungen gilt. Wer ihn zur Pauschalformel macht, nimmt dem Begriff die Spannung.
Für die Praxis heißt das: Camp ist kein Gütesiegel und keine Genrebezeichnung. Es beschreibt, wie man etwas liest. Das gilt für Hollywoods Klassiker ebenso wie für neue Produktionen.
Quellen und Stand
Zitiert wird nach der frei zugänglichen Textfassung des Essays; die Nummerierung der Notizen folgt dieser Fassung. Der Verweis auf die Kritik aus den Queer Studies beruht auf einer Zusammenfassung der Forschungsdebatte. Stand ist Oktober 2026.
Häufige Fragen
Quellen
- interglacial.com · Susan_Sontag_-_Notes_on_Camp
- people.carleton.edu · sontag_defining_camp
- doinghistoryinpublic.org · cheating-for-love-notes-on-notes-on-camp
Zuletzt geprüft: 17. Oktober 2026