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Queere Science-Fiction im Kino: Vom Subtext zur offenen Repräsentation

4 Min Lesezeit

Bild: Photo by Paul Lichtblau on Pexels (Quelle) · Pexels License

Von Dr. Frank-N-Furters Korsett bis zum Oscar-Erfolg von Everything Everywhere All at Once: Die Science-Fiction ist das Genre, in dem queere Geschichten lange im Verborgenen wachsen konnten und heute offen erzählt werden. Ein Streifzug durch drei Film-Meilensteine.

Science-Fiction stellt Fragen, die wenige andere Genres stellen. Was ist ein Mensch, wenn der Körper nur eine Hülle ist? Wie viel von uns entscheiden wir selbst, wie viel ist Zuschreibung? Genau diese Fragen zogen queere Autor:innen seit jeher an. Im Weltraum, in der Zukunft, in fremden Welten ließ sich erzählen, was in der Gegenwart zu heikel war. Herausgekommen ist eine Filmgeschichte, die vom versteckten Subtext zum offenen Bekenntnis gewachsen ist.

Lange musste das Genre Umwege gehen. In der klassischen Hollywood-Ära war Homosexualität auf der Leinwand praktisch unsichtbar, der Hays Code verbot ihre Darstellung bis in die 1960er Jahre. Wer queere Themen trotzdem anbringen wollte, versteckte sie in Bildern, die andere Lesarten zuließen. Die Science-Fiction war dafür wie geschaffen: Wer fremde Welten entwarf, konnte mit Fremdheit überhaupt experimentieren, ohne sich verdächtig zu machen.

Ein früher Meilenstein dieser offenen Rebellion ist The Rocky Horror Picture Show von 1975. Richard O’Brien, damals arbeitsloser Schauspieler, schrieb die Vorlage in einem Winter, um sich zu beschäftigen. Aus der Bühnenfassung von 1973 wurde ein Film, in dem der außerirdische Wissenschaftler Dr. Frank-N-Furter in Korsett und Netzstrümpfen das Lied „Sweet Transvestite“ singt und seinen perfekten Mann aus der Retorte erweckt. Beim Kinostart ein Flop, fand der Streifen sein Publikum ab 1976 über die Mitternachtsvorstellungen im New Yorker Waverly Theatre. Kostümiert kamen die Fans, riefen ihre Sprüche ins Bild und machten die Vorführungen zum rituellen Happening, das die Smithsonian Institution heute als langlebigsten Kinolauf der Filmgeschichte führt. O’Brien selbst sagt, das Stück sei ein Ort für Ausgegrenzte gewesen, an dem man ungeschminkt man selbst sein konnte.

Den nächsten großen Schritt wagte 1999 The Matrix. Lana und Lilly Wachowski, damals noch nicht öffentlich out, inszenierten einen Blockbuster, der seitdem als Trans-Allegorie gelesen wird. Neo legt seinen alten Namen ab, wählt einen neuen, befreit sich aus einer Welt, die ihn in eine Form zwängt, die nicht die seine ist. Die Figur Switch war ursprünglich als Frau im echten Leben und als Mann in der Simulation geplant, ein direkter Kommentar zu Online-Identitäten. Das Studio verwarf die Idee, das Publikum sei dafür nicht bereit. Vox nannte The Matrix das einflussreichste Werk der Popkultur, das je von trans Menschen geschaffen wurde. Die Kehrseite dieser Universalität: Die rote Pille wurde von rechtspopulistischen Kreisen umgedeutet. Eine Vereinnahmung, die dem Film nicht anzulasten ist, die aber zeigt, wie elastisch seine Bilder sind. Mit The Matrix Resurrections von 2021 benannte Lana Wachowski die Lesart schließlich offen, die Figur Bugs spricht darin direkt über die Deutung des ersten Teils.

Die offene Repräsentation folgte 2022 mit Everything Everywhere All at Once. Die Daniels, wie sich das Regie-Duo Daniel Kwan und Daniel Scheinert nennt, erzählten von Evelyn, einer chinesisch-amerikanischen Migrantin, und ihrer queeren Tochter Joy. Das Multiversum wird dabei nicht als Gimmick inszeniert, sondern als Rahmen für die Frage, wie viel Verständnis eine Mutter für ein Kind aufbringen kann, dessen Identität sie nicht versteht. Für die internationale Vermarktung hatten die Regisseure eine klare Bedingung: Die queere Liebesgeschichte darf nicht geschnitten werden. Der Film gewann sieben Oscars, darunter den für den besten Film, und machte damit einer breiten Zuschauerschaft zugänglich, was zuvor oft im Subtext blieb.

Warum fällt der queeren Science-Fiction diese Entwicklung so leicht? Das Genre lebt davon, Gewissheiten auszuhebeln. Entwirft jemand fremde Welten, stellt sich unweigerlich die Frage, welche Regeln des Zusammenlebens dort gelten. Wer Körper tauscht, in Simulationen lebt oder die Zeit verbiegt, landet früher oder später bei der Frage, was Identität eigentlich ist. Diese Offenheit macht das Genre zum natürlichen Zuhause für Geschichten über Geschlecht und Begehren. Zugleich diente sie lange als Schutz: Was als bloße Science-Fiction-Spinnerei durchging, konnte queere Themen transportieren, ohne dass Studios, Verleihe oder Zensurbehörden misstrauisch wurden.

Für den Einstieg bieten sich unterschiedliche Wege an. Wer die Wurzeln sehen will, erlebt Rocky Horror am besten in einer Mitternachtsvorstellung mit Publikum, wo die Kostüme zur Vorführung gehören. Wer verstehen will, wie Subtext funktioniert, schaut The Matrix und liest die Wachowski-Geschichte dazu. Und wer sehen möchte, wie weit das Genre heute geht, nimmt Everything Everywhere All at Once. Auch im Serienbereich ist vieles möglich, die Wachowski-Serie Sense8 zeigt es. Science-Fiction hat queere Geschichten nie gebraucht, um zu funktionieren. Aber sie hat ihnen einen Raum gegeben, in dem sie wachsen konnten. Die besten Filme des Genres zeigen, was dabei herauskommt, wenn dieser Raum offen ist.

Häufige Fragen

The Matrix (1999) der Wachowski-Schwestern. Neo bricht aus einer Welt aus, die ihn in eine Form zwingt, die nicht die seine ist. Nach dem Outing der Regisseurinnen wurde der Film weithin als Allegorie auf Trans-Erfahrung gelesen.
Dr. Frank-N-Furter ist ein außerirdischer Wissenschaftler in Korsett und Netzstrümpfen. Nach einem Flop wurde der Film über Mitternachtsvorstellungen zum Kult; die Fans kamen kostümiert und machten die Kinos zu Orten, an denen queere Menschen ungeschminkt sie selbst sein konnten.
Sieben Oscars, darunter den für den besten Film. Die queere Tochter Joy gehört fest zur Geschichte; die Regisseure bestanden darauf, dass diese Handlung für die Vermarktung nicht geschnitten wird.
Das Genre hinterfragt Gewissheiten über Körper, Identität und Zusammenleben. Wer fremde Welten entwirft, muss auch fragen, welche Regeln dort gelten. Zudem mussten queere Themen lange im Subtext reisen, weil ihre Darstellung auf der Leinwand verboten oder heikel war.
Rocky Horror am besten in einer Mitternachtsvorführung, The Matrix für den Subtext und Everything Everywhere All at Once für die offene Repräsentation.
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Zuletzt geprüft: 21. September 2026

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