Das Musical war lange ein Rückzugsort für queere Kunst, die auf der Bühne nicht offen gezeigt werden durfte. Drei Werke haben das geändert – und eine ganze Reihe nachgezogen.
Das Musical war früh ein Ort, an dem queere Menschen hinter den Kulissen arbeiteten: als Komponisten, Choreografinnen, Kostümbildner. Offen queere Figuren auf der Bühne gab es lange nicht. Wer nicht-heterosexuelles Begehren zeigen wollte, versteckte es in Travestie-Nummern des Varietés oder in Andeutungen. Das änderte sich nach dem Stonewall-Aufstand von 1969. Ab den 1970er-Jahren rückten queere Geschichten in den Mittelpunkt. Drei Werke markieren diesen Wandel bis heute.
Rocky Horror: Als das Publikum das Kino übernahm
The Rocky Horror Picture Show von 1975 ist die Verfilmung von Richard O'Briens Bühnenstück The Rocky Horror Show, das 1973 im Londoner West End Premiere feierte. Regie führte Jim Sharman. Tim Curry spielte Dr. Frank N. Furter, den „süßen Transvestiten" vom Planeten Transsexual, der sich den perfekten Mann baut.
Der Film war zunächst ein Flop. Bei einem Budget von 1,6 Millionen Dollar spielte er beim ersten Durchlauf nur rund 300.000 Dollar ein. Der Umschwung kam im Frühjahr 1976, als das Waverly Theater im New Yorker Greenwich Village eine Mitternachtsvorstellung ansetzte. Das Publikum fing an, mitzusingen, zu reden und sich zu verkleiden. Aus dem Film wurde ein Mitmach-Ritual: Reis fliegt in der Hochzeitsszene, Wasser spritzt in der Regenszene, Zeitungspapier schützt vor dem Gewitter.
Dieser Brauch machte den Film zum am längsten ununterbrochen laufenden Film der Geschichte. Bis heute läuft er in Programmkinos, oft mit Live-Vorführung. 2005 nahm die US-amerikanische National Film Registry ihn in ihr Verzeichnis bedeutender Filme auf. O'Brien selbst bezeichnet sich als non-binär. „Don't dream it, be it" wurde zur Botschaft des Films.
La Cage aux Folles: Ein Liebespaar gegen die Konventionen
La Cage aux Folles feierte 1983 am Broadway Premiere. Die Musik stammt von Jerry Herman, das Buch von Harvey Fierstein. Grundlage war Jean Poirets französisches Theaterstück von 1973, das 1978 als Kinofilm „Ein Käfig voller Narren" mit Michel Serrault und Ugo Tognazzi zum Welterfolg wurde.
Die Geschichte: Georges betreibt in Saint-Tropez den Club La Cage aux Folles, dessen Star sein Lebensgefährte Albin ist. Als der Sohn von Georges heiraten will, muss das Paar vor den konservativen Schwiegereltern eine bürgerliche Fassade errichten. Der Höhepunkt des Musicals ist das Lied „I Am What I Am". Gloria Gaynor und Shirley Bassey haben es später unabhängig vom Musical aufgenommen.
Das Stück gewann sechs Tony Awards, darunter Bestes Musical. Es lief bis 1987 über 1.700 Mal am Broadway. Für viele war es das erste Mal, dass ein schwules Liebespaar im Zentrum eines großen Unterhaltungsabends stand, ohne als Tragödie zu enden.
Hedwig: Rock über Identität
Hedwig and the Angry Inch ist kein klassisches Musical, sondern ein Rockkonzert mit Zwischentexten. John Cameron Mitchell schrieb das Buch, Stephen Trask die Musik. 1998 hatte das Stück Off-Broadway Premiere, 2001 wurde es mit derselben Besetzung verfilmt.
Hedwig ist eine Rock-Dragqueen aus Ost-Berlin, die mit ihrer Band durch die USA tourt und dem Publikum ihre Geschichte erzählt. Eine fehlgeschlagene Operation hat den titelgebenden „Angry Inch" hinterlassen, der sie nie ganz einer Seite zugehörig sein lässt. Die deutsche Erstaufführung fand 1999 in der Kölner Halle Kalk statt. 2014 kam das Stück an den Broadway, wo unter anderem Neil Patrick Harris die Titelrolle spielte. Die Produktion erhielt acht Tony-Nominierungen.
Was danach kam: Von Rent bis Jamie
In den 1990er-Jahren wurde queer im Musical zum festen Bestandteil. Rent (1996) von Jonathan Larson erzählt von jungen Künstlerinnen und Künstlern im New York der Aids-Krise; die Dragqueen Angel ist eine der berührendsten Figuren des Stücks. In jüngerer Zeit kamen The Prom (2020), verfilmt von Ryan Murphy für Netflix, und Everybody's Talking About Jamie (2021) dazu, die queere Teenager ins Zentrum stellen.
Woran man queere Musicals erkennt
Queere Musicals teilen ein paar Züge. Sie erzählen von Außenseitern, die sich nicht anpassen wollen. Sie feiern Camp: übertriebene Gesten, Glamour, Humor als Waffe. Und sie stecken voller Hymnen. „Don't dream it, be it" aus Rocky Horror, „I Am What I Am" aus La Cage aux Folles, „The Origin of Love" aus Hedwig. Lieder, die auf der Bühne Selbstermächtigung singen, lange bevor die Gesellschaft nachzog.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 4. September 2026