Jennie Livingstons Dokumentarfilm über die New Yorker Ballroom-Szene gewann 1991 in Sundance und bei der Berlinale. Was der Film zeigt, was er einspielte und warum die Debatte um Geld und Perspektive bis heute zu ihm gehört.
„Paris Is Burning“ (1990) ist kein Film, den man nebenbei schaut. Jennie Livingston hat ihn über die Ballroom-Szene von New York gedreht, und er ist bis heute Pflichtstoff für alle, die queere Kulturgeschichte verstehen wollen. Er wirft aber auch eine Frage auf, die über den Film hinausgeht: Wem gehört eine Geschichte, und wer verdient daran? Dieser Text ordnet den Film ein. Die Zahlen stammen aus Wikipedia, andere Quellen waren nicht abrufbar. Stand: Oktober 2026.
Worum es geht
Der Dokumentarfilm zeigt die Ballroom-Szene von New York in den späten 1980er-Jahren. Gemeint sind Wettbewerbe, bei denen sich vor allem arme schwarze und lateinamerikanische schwule und trans Menschen in Kategorien messen: Kostüm, Auftritt, „Realness“. Realness meint, so überzeugend in einer Rolle aufzutreten, dass man ihr abnimmt, sie sei echt. Die Teilnehmenden organisieren sich in „Houses“, Gruppen, die für viele auch eine Art Wahlfamilie sind.
Livingston hat den Film über mehrere Jahre gedreht, beginnend Mitte der 1980er-Jahre. Die Angaben dazu schwanken: Wikipedia nennt an einer Stelle rund sieben, an anderer sechs Jahre. Aus mehr als 75 Stunden 16-mm-Material wurden 78 Minuten.
Livingston ist im Film selbst kaum zu sehen. bell hooks hat diese Abwesenheit später kritisiert und von einer Art „Imperial Oversee(r)“ gesprochen, also einer Außenstehenden, die über die Szene blickt, ohne selbst Teil von ihr zu sein.
Preise und Wirkung
Der Film lief am 13. September 1990 beim Filmfestival in Toronto, in New York kam er am 13. März 1991 ins Kino. Das Budget lag laut Wikipedia bei 500.000 US-Dollar, das Einspielergebnis bei 3,8 Millionen.
Ausgezeichnet wurde er mehrfach. 1990 gab es unter anderem den Publikumspreis des Lesbisch-Schwulen Filmfestivals in San Francisco. 1991 folgten der Grand Jury Prize des Sundance Festivals in der Kategorie Dokumentarfilm und der Teddy Award der Berlinale, 1992 ein GLAAD Media Award und 2015 der Legacy Award der Cinema Eye Honours. 2016 nahm die Library of Congress den Film in das National Film Registry auf, die Liste der für die US-Filmgeschichte als besonders bedeutsam eingestuften Filme. Die Serie „Pose“ greift die Ballroom-Welt später auf.
Die Debatte um Geld und Perspektive
Hier wird es unbequem. Die Menschen, die der Film zeigt, waren arm. Der Film verdiente Geld. Nach den Angaben bei Wikipedia planten die Produzent:innen, etwa 55.000 Dollar, ein Fünftel des Verkaufspreises an den Verleih Miramax, auf 13 Teilnehmende zu verteilen. Eine Pflicht dazu gab es nicht. Mehrere Beteiligte beauftragten einen Anwalt und wollten 1991 auf einen Gewinnanteil klagen, sie verzichteten aber darauf, nachdem der Anwalt gesehen hatte, dass sie die üblichen Freigabeerklärungen unterschrieben hatten. Sie nahmen die Zahlung an. Paris Dupree, eine der Gezeigten, soll nach Angaben der Quelle sogar eine Klage über 40 Millionen Dollar geplant haben. Dazu kam es nicht.
Ob das fair war, bleibt Gegenstand von Kritik. Ein Meinungsbeitrag im Magazin Afropunk wirft dem Film vor, die Gezeigten ohne angemessenen Ausgleich behandelt zu haben. Das ist ein Meinungstext, keine Tatsachenfeststellung, und er steht für eine Debatte, die bis heute geführt wird.
Auch die Perspektive wurde kritisiert. Die Autorin bell hooks schrieb im „Z Magazine“, die Bälle würden als Spektakel für ein weißes Publikum gezeigt. Judith Butler widersprach ihr in „Bodies that Matter“ (1993) und analysierte unter anderem den Begriff der „Realness“.
Fragen für das Gespräch danach
Wer den Film mit anderen schaut, kann an drei Punkten ansetzen. Erstens: Wer hat die Kamera, und was verändert das? Zweitens: Wie viel Wissen über die Szene stammt aus dem Film, wie viel aus den Stimmen der Beteiligten selbst? Drittens: Was wäre ein fairer Ausgleich gewesen? Darauf gibt es keine einfache Antwort, und die Debatte darüber gehört seit 1991 zum Film.
Was der Film uns lehrt
Er zeigt eine Szene, die sich ihre Räume selbst geschaffen hat. Er zeigt auch, wie schwierig es ist, über Menschen zu erzählen, die selbst kaum Zugang zu Kameras und Geld haben. Wer den Film heute sieht, sollte beides im Kopf behalten: die Würde der Auftretenden und die Frage, wer erzählt.
Wie du ihn schauen kannst
- Prüfe vorab, wo der Film gerade verfügbar ist. Streamingangebote wechseln schnell.
- Lies danach ein Interview mit Beteiligten oder eine der kritischen Stimmen, damit du die Einordnung nicht dem Film allein überlässt.
- Rechne mit schweren Themen: Armut, Ausgrenzung und Gewalt kommen im Film vor. Schau ihn, wenn du dafür Kraft hast.
Kurz gesagt
„Paris Is Burning“ ist ein Schlüsselfilm des queeren Kinos und zugleich ein Lehrstück über Dokumentarfilm-Ethik. Er verdient, gesehen und diskutiert zu werden.
Häufige Fragen
Quellen
- en.wikipedia.org · Paris_Is_Burning_(film)
- en.wikipedia.org · Jennie_Livingston
- afropunk.com · paris-is-burning
Zuletzt geprüft: 20. Oktober 2026