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Coming Out (1989): Der DEFA-Film, der in der Nacht des Mauerfalls Premiere feierte

4 Min Lesezeit

Am 9. November 1989 feierte in Ost-Berlin ein DEFA-Film Premiere, in dem ein Lehrer sich eingesteht, schwul zu sein — in derselben Nacht, in der die Berliner Mauer fiel. „Coming Out" ist der einzige Spielfilm der DDR über schwules Leben.

Ein Film über einen Mann, der sich eingesteht, schwul zu sein — und am Abend seiner Premiere öffnet sich wenige Straßen weiter die Berliner Mauer. „Coming Out" von Heiner Carow ist kein historisches Kuriosum, sondern der einzige Spielfilm der DDR, der offen von schwulem Leben erzählt. Wer ihn heute sieht, versteht besser, wie eng Fortschritt und Zufall manchmal beieinanderliegen.

Ein Film, den es eigentlich nicht geben sollte

DEFA, das staatliche Filmstudio der DDR, hat zwischen 1946 und 1992 rund 700 Spielfilme produziert. Genau einer davon handelt von Homosexualität: „Coming Out" aus dem Jahr 1989. Regie führte Heiner Carow, das Drehbuch schrieb Wolfram Witt. Es war einer der letzten Filme, die DEFA vor der Wiedervereinigung in die Kinos brachte.

Dass dieses Thema überhaupt verfilmt wurde, war keine Selbstverständlichkeit. In der DDR war der Paragraf 175 zwar schon 1968 abgeschafft worden — in der Bundesrepublik geschah das erst 1994 endgültig. Doch die gesellschaftliche Ächtung blieb. Schwule und lesbische Menschen lebten oft doppelt: offen in der eigenen Szene, verschwiegen im Beruf und in der Familie.

Worum es geht

Philipp Klarmann, gespielt von Matthias Freihof, ist junger Lehrer an einer Ost-Berliner Schule. Am ersten Arbeitstag stößt er mit der Kollegin Tanja zusammen, die beiden verlieben sich und verloben sich. Was Philipp vor sich selbst verbirgt, bricht sich später Bahn: Er besucht eine Schwulenbar, lernt Matthias kennen und beginnt eine Beziehung.

Von da an führt Philipp ein Leben in zwei Welten. Tanja merkt, dass etwas nicht stimmt. Seine Mutter ahnt es und schweigt. Erst als Tanja Matthias zufällig bei einem Konzert begegnet, muss Philipp sich erklären. Am Ende steht eine stille Szene im Klassenzimmer: Der Schulleiter will ihn prüfen, Philipp antwortet nur mit einem Wort — „Ja". Es ist die Annahme seiner selbst, ohne großes Pathos.

Dagmar Manzel spielt Tanja, Dirk Kummer den Matthias. In einer kleinen Rolle als Barkeeperin ist Charlotte von Mahlsdorf zu sehen, die bekannteste trans Aktivistin der DDR.

Gedreht mitten in Ost-Berlin

Carow drehte an echten Orten. Die Eröffnungsszene folgt einem Krankenwagen durch Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain, im Hintergrund Feuerwerk — als wäre Silvester. Weitere Szenen entstanden am Märchenbrunnen im Volkspark Friedrichshain, einem damals bekannten Treffpunkt, sowie in den Bars „Schoppenstube" und „Zum Burgfrieden" in Prenzlauer Berg. Der „Zum Burgfrieden" in der Wichertstraße 69 schloss im Januar 2000.

Viele Nebendarsteller waren keine Profis, sondern Gäste der Szene. Das gibt dem Film eine Genauigkeit, die sich nicht anfühlen lässt: die Blicke, die kurzen Wege, das Wissen, wer wohin gehört.

Die Nacht, in der alles zusammenfiel

Premiere war am 9. November 1989 im Kino International in der Karl-Marx-Allee. Am selben Abend fiel die Berliner Mauer. Die Nachfrage war so groß, dass zwei Vorführungen angesetzt wurden. Während im Saal ein Film über das Ausbrechen aus der Enge lief, strömten draußen die Menschen zu den Grenzübergängen.

Das Zusammentreffen war Zufall, wirkt aber wie ein Kommentar. „Coming Out" wäre an jedem anderen Abend eine Sensation gewesen. So wurde er von einem größeren Ereignis überholt — und blieb doch im Gedächtnis.

Was der Film heute zeigt

Auf der Berlinale 1990 gewann „Coming Out" den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung und den Teddy Award, den Preis für queeres Kino. Dazu kamen der Konrad-Wolf-Preis der Akademie der Künste und zwei Auszeichnungen beim Nationalen Spielfilmfestival der DDR.

Heute ist der Film in einer digital restaurierten Fassung verfügbar, unter anderem über die DEFA Film Library der University of Massachusetts und das Streamingangebot des Goethe-Instituts. Er läuft auf Festivals und in Retrospektiven.

Was bleibt, ist ein ruhiges Porträt. Kein Aufschrei, kein Tribunal. Ein Lehrer, der sich endlich selbst aushält. Für alle, die heute über Repräsentation diskutieren, ist das ein nützlicher Maßstab: Es braucht keine große Geste, sondern eine Figur, die echt ist.

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Zuletzt geprüft: 15. September 2026

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