Deutschland hat das queere Kino mitbegründet: Schon 1919 thematisierte „Anders als die Andern“ Homosexualität offen. Ein Überblick über 100 Jahre deutsche queere Filmgeschichte, von Rosa von Praunheim über „Taxi zum Klo“ bis zu den Förderlücken der Gegenwart.
Deutschland hat das queere Kino mitbegründet. Kaum ein anderes Land hat so früh einen Film gedreht, der offen über Homosexualität spricht. Und kaum ein anderes hat danach so lange gebraucht, daran anzuknüpfen.
Am Anfang steht ein Skandal. 1919, wenige Monate nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, kommt „Anders als die Andern“ in die Kinos. Regie führt Richard Oswald, als Berater und Darsteller wirkt der Sexualforscher Magnus Hirschfeld mit. Der Film erzählt von einem Geiger, der sich in seinen Schüler verliebt, erpresst wird und wegen Paragraf 175 vor Gericht landet. Am Ende nimmt sich die Hauptfigur das Leben. Die Botschaft ist klar: Der Paragraf muss weg.
Als einer der ersten Filme der Welt thematisiert er Homosexualität offen. In der Weimarer Republik gibt es keine Filmzensur, die Regierung hatte sie 1918 abgeschafft. Genau das nutzen Oswald und Hirschfeld. „Anders als die Andern“ wird ein Publikumserfolg, löst aber auch Tumulte aus. Gepfiffen wird im Publikum, und es fallen antisemitische Parolen. 1920 führt das Reichslichtspielgesetz die Zensur wieder ein: Der Film wird verboten, Kopien werden zerstört. Jahrzehntelang gilt er als verschollen. Erst in den 1970ern entdeckt das Filmmuseum München eine lückenhafte Kopie aus Moskau und rekonstruiert sie.
Was danach kommt, ist für ein halbes Jahrhundert wenig. Im Nationalsozialismus endet jede offene Auseinandersetzung mit dem Thema ohnehin. In der jungen Bundesrepublik zeigt das Kino Homosexualität höchstens als Andeutung oder als Krankheit. Es braucht einen Regisseur wie Rosa von Praunheim, um das aufzubrechen.
1971 kommt sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ heraus. Der Titel ist Programm. Ein Kinohit ist der Film nicht, wirken tut er trotzdem. Im Foyer des Premierenkinos liegt eine Adressliste aus, in die sich Interessierte eintragen können. Aus diesen Listen entstehen die ersten Gruppen der neuen Schwulenbewegung, in Berlin die Homosexuelle Aktion Westberlin. Praunheims Film gilt deshalb als Initialzündung der modernen deutschen Emanzipationsbewegung.
Zehn Jahre später folgt ein anderer Meilenstein: „Taxi zum Klo“ von Frank Ripploh (1981). Ripploh spielt sich selbst und erzählt von seinem Alltag als Lehrer und als schwuler Mann im West-Berlin der frühen Achtziger. Der Film zeigt das Leben nicht als Problemfall, sondern als gelebten Alltag, mit Sex, Witz und Selbstbewusstsein. Er wird ein internationaler Erfolg und gilt bis heute als Klassiker des deutschen queeren Kinos.
Ein besonderes Kapitel schreibt die DDR. 1989 kommt mit „Coming Out“ von Heiner Carow der einzige DEFA-Film heraus, der Homosexualität offen thematisiert. Er erzählt von einem jungen Lehrer, der sich zu einem Mann hingezogen fühlt und zwischen bürgerlicher Sicherheit und seinem Begehren zerrissen ist. Die Premiere fällt auf den 9. November 1989, den Abend des Mauerfalls. Der Moment macht den Film zu einem Stück Zeitgeschichte, noch bevor seine Botschaft wirklich ankommen kann.
1998 schlägt „Aimée & Jaguar“ einen anderen Ton an. Nach den Erinnerungen von Erica Fischer erzählt Max Färberböck von der Liebe zwischen einer jüdischen und einer nichtjüdischen Frau im Berlin der NS-Zeit. Ein Publikumserfolg wird der Film, und er macht ein Thema sichtbar, das im deutschen Kino lange gefehlt hat: lesbische Geschichte.
Die Gegenwart ist vielstimmig. „Futur Drei“ (2020) von Faraz Shariat erzählt von einem jungen Deutsch-Iraner, der sich in einen Geflüchteten verliebt, und gewinnt bei der Berlinale den Teddy Award. „Kokon“ (2020) von Leonie Krippendorff ist ein Coming-of-Age-Film über ein lesbisches Mädchen in Berlin. „Neubau“ (2020) begleitet eine junge trans Frau. „Große Freiheit“ (2021) von Sebastian Meise, eine deutsch-österreichische Koproduktion, zeigt das Leben eines Mannes, der über Jahrzehnte wegen Paragraf 175 ins Gefängnis muss. „Drifter“ (2023) und „Knochen und Namen“ (2023) setzen die Reihe fort.
Was auffällt: Viele dieser Filme entstehen ohne die übliche Filmförderung. Ein offener Brief von Salzgeber und der Queer Media Society macht 2022 darauf aufmerksam. „Futur Drei“, „Kokon“, „Neubau“, „Drifter“ und „Knochen und Namen“ seien prekär, das heißt ganz ohne oder mit kaum Förderung produziert worden. Offen bleibt die Frage, warum ausgerechnet queere Stoffe immer wieder durch das Förderraster fallen. Auch Filme über queere NS-Geschichte wie „Paragraph 175“ (2000) wurden nicht von deutschen Fördertöpfen finanziert. Es ist ein Befund, kein Zufall.
Wer sich durch das deutsche queere Kino arbeiten will, beginnt am besten mit den Eckpunkten: „Anders als die Andern“ von 1919 für den Anfang, „Taxi zum Klo“ für das Aufbrechen der Tabus, „Große Freiheit“ für die historische Aufarbeitung. Danach lohnt der Blick in die Gegenwart, von „Futur Drei“ bis zu den neuesten Festivalpremieren. Das Thema hat eine Geschichte, und die erzählt sich in Deutschland so nirgends sonst.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 4. September 2026