Vom verdrängten Monster bis zum offen queeren Genrekino: Wie Horror- und Thrillerfilme queere Figuren codierten, verbargen und heute sichtbar machen.
Kaum ein Genre hat queere Figuren so lange so widersprüchlich behandelt wie der Horror. Mal taucht das Monster als chiffrierte Drohung gegen alles Abweichende auf, mal wird es zur Identifikationsfigur für Menschen, die sich selbst als anders, ausgegrenzt oder unsichtbar erleben. Genau diese Doppeldeutigkeit macht den Horror- und Genrefilm zu einem der interessantesten Felder queerer Filmgeschichte. Hier liegen Angst und Begehren oft näher beieinander, als es das brave Liebesdrama je zulassen würde.
Das Monster als queere Chiffre
Der Filmwissenschaftler Harry M. Benshoff hat dieses Muster in seinem Buch Monsters in the Closet (1997) ausführlich beschrieben. Seine These: Hollywood hat Homosexualität über Jahrzehnte als monströs codiert, während queere Zuschauerinnen und Zuschauer dieselben Filme gegen den Strich lasen und sich im Monster wiederfanden. Das Wesen, das nachts kommt, das Begehren, das nicht ausgesprochen werden darf, der Außenseiter, der die bürgerliche Ordnung bedroht: All das ließ sich als Spiegel einer verdrängten Sexualität verstehen.
Schon im klassischen Hollywood der 1930er Jahre lagen solche Lesarten nahe. Regisseur James Whale, selbst offen schwul, drehte mit Frankenstein (1931) und Bride of Frankenstein (1935) Filme, in denen das Geschaffene nach Nähe und Zugehörigkeit sucht und dafür verstoßen wird. Wer die Zwänge des damaligen Studiosystems kennt, versteht, warum Queerness im Genre eher angedeutet als gezeigt wurde. Wie sehr die Branche queere Inhalte regelrecht wegregulierte, zeigt der Blick auf den Hays Code und die Filmzensur in Hollywood.
Vom Subtext zur offenen Sprache
Lange funktionierte queerer Horror über Andeutung. Figuren wurden so angelegt, dass sich ein doppelter Boden öffnete, ohne dass je etwas Eindeutiges fiel. Diese Technik der versteckten Codierung ist ein eigenes Kapitel der Filmgeschichte und reicht weit über den Horror hinaus, wie der Beitrag über Queer Coding im klassischen Hollywood zeigt.
Ein berüchtigtes Beispiel ist A Nightmare on Elm Street 2: Freddy's Revenge (1985). Der Film erzählt von einem Jugendlichen, in dem eine zerstörerische Kraft heranwächst, die er nicht kontrollieren kann. Drehbuchautor David Chaskin räumte Jahre später ein, dass der homoerotische Subtext gewollt war: Er griff die Panik der frühen AIDS-Jahre und die Angst vor der eigenen Sexualität auf und übersetzte sie in Horror. Heute gilt der Teil als Kultfilm der queeren Community, gerade weil er das verdrängte Begehren so unverhohlen an die Oberfläche treibt. Wie tief die AIDS-Krise das Kino jener Jahre prägte, lässt sich im Text über AIDS im Film nachvollziehen.
Wenn das Publikum sich die Filme aneignet
Manche queeren Horror-Ikonen waren nie als solche geplant. The Babadook (2014) erzählt eigentlich von Trauer und einer überforderten Mutter, doch durch einen Internetwitz wurde das Monster zur LGBTQ-Symbolfigur. Regisseurin Jennifer Kent nahm die Aneignung mit Humor. Dass ausgerechnet ein Wesen, das man nicht loswird, sondern in den Keller verbannen und akzeptieren muss, als Bild für gelebte Queerness taugt, ist mehr als ein Zufall: Es trifft die Erfahrung, einen Teil von sich anzunehmen statt zu verleugnen.
Andere Filme sind in ihrer Queerness deutlich direkter. Jennifer's Body (2009) mit einem Drehbuch von Diablo Cody verwandelt die Besessenheits-Erzählung in eine Allegorie auf weibliche Sexualität und enthält offen sapphische Momente zwischen den Hauptfiguren. Der Film floppte zunächst an den Kinokassen und wurde erst Jahre später als bisexuelles Genrekino neu entdeckt. Solche Neubewertungen sind im queeren Kino keine Seltenheit, wie auch der Überblick über lesbisches Kino und seine Regisseurinnen zeigt.
Genre als Freiraum
Warum funktioniert ausgerechnet der Horror so gut für queere Geschichten? Das Genre arbeitet ohnehin mit dem, was normalerweise verborgen bleibt: mit Scham, Verwandlung, dem Körper als Schauplatz, der Angst vor Entdeckung. Eine Verwandlung in der Nacht, ein Geheimnis, das ans Licht drängt, eine Identität, die sich gegen den Willen der Umgebung Bahn bricht. Wer als queerer Mensch aufgewachsen ist, kennt viele dieser Motive aus dem eigenen Leben.
In den vergangenen Jahren ist aus dem Subtext zunehmend Text geworden. Regisseurinnen und Regisseure erzählen queere Horrorstoffe heute frontal, ohne Codierung, ohne Schutzbehauptung. Filme wie I Saw the TV Glow verhandeln Identität und Dysphorie mit den Mitteln des unheimlichen Kinos, statt sie zu verstecken. Diese Entwicklung passt zu einer breiteren Öffnung des queeren Films, die das New Queer Cinema der frühen 1990er Jahre angestoßen hat.
Womit der Einstieg leichtfällt
Wer queeren Horror entdecken will, muss nicht bei der Theorie beginnen. Ein paar Anhaltspunkte:
- Klassiker mit Subtext: Bride of Frankenstein, The Old Dark House, Dracula's Daughter
- Kultfilme der Community: A Nightmare on Elm Street 2, Hellraiser, The Babadook
- Offen queeres Genrekino: Jennifer's Body, Knife+Heart, I Saw the TV Glow
Viele dieser Titel laufen heute auf den großen Streamingdiensten oder im frei verfügbaren Programm. Wo sich queere Filme legal anschauen lassen, fasst der Plattform-Guide zum Streamen queerer Filme zusammen. Und wer sich von dort weiter durch Festivals, Klassiker und Genres lesen mag, findet im Bereich Queere Filme den passenden Einstieg.
Häufige Fragen
Warum gilt der Horrorfilm als besonders queeres Genre?
Horror arbeitet mit Verwandlung, Geheimnis, Scham und der Angst vor Entdeckung. Diese Motive ähneln Erfahrungen vieler queerer Menschen, etwa dem Verbergen der eigenen Identität. Zugleich wurde das Monster lange als Chiffre für verdrängte Sexualität eingesetzt, was queeren Lesarten viel Raum lässt.
Was bedeutet das 'Monster als queere Chiffre'?
Der Filmwissenschaftler Harry M. Benshoff beschreibt in 'Monsters in the Closet', wie Hollywood Homosexualität über Jahrzehnte als monströs codierte. Das bedrohliche Andere im Film stand häufig stellvertretend für alles, was die bürgerliche Ordnung als abweichend empfand. Queere Zuschauer fanden sich dadurch oft eher im Monster als in den Held:innen wieder.
Ist der queere Subtext in 'A Nightmare on Elm Street 2' beabsichtigt?
Ja. Drehbuchautor David Chaskin hat Jahre nach dem Kinostart bestätigt, dass der homoerotische Subtext bewusst angelegt war. Er griff die Ängste der frühen AIDS-Jahre und die Panik vor der eigenen Sexualität auf. Heute gilt der Film von 1985 als Kultfilm der queeren Community.
Warum wurde 'The Babadook' zur queeren Ikone?
Der Film von 2014 erzählt eigentlich von Trauer und Überforderung und benennt keine queeren Figuren. Über einen Internetwitz wurde das Monster zur LGBTQ-Symbolfigur. Das Bild traf einen Nerv: ein Wesen, das man nicht loswird, sondern annehmen muss, passt zur Erfahrung, einen Teil von sich selbst zu akzeptieren.
Wo kann ich queere Horrorfilme schauen?
Viele Titel laufen auf den großen Streamingplattformen, manche auch im frei verfügbaren Programm öffentlich-rechtlicher Mediatheken. Welche Dienste sich für queeres Kino lohnen und worauf man bei der Auswahl achten sollte, ist im Plattform-Guide zum Streamen queerer Filme zusammengefasst.
Gibt es heute offen queeren Horror ohne versteckten Subtext?
Ja, das ist die deutlichste Entwicklung der letzten Jahre. Aktuelle Regisseur:innen erzählen queere Horrorstoffe frontal, ohne Codierung. Filme wie 'I Saw the TV Glow' oder 'Knife+Heart' verhandeln Identität, Begehren und Dysphorie offen mit den Mitteln des unheimlichen Kinos.