1999 machte Kimberly Peirces Film den Mord an Brandon Teena einem breiten Publikum bekannt und brachte Hilary Swank den Oscar. Was den Fall wirklich ausmachte – und warum der Film bis heute umstritten bleibt.
Als Kimberly Peirces Film 1999 in die Kinos kam, kannten die meisten Zuschauer:innen den Namen Brandon Teena nicht. Fünf Jahre zuvor war er in Nebraska ermordet worden, ein Verbrechen, das kaum über die Lokalpresse hinauskam. Der Film änderte das – und mit ihm begann eine Debatte, die bis heute nachwirkt: darüber, wessen Geschichte hier eigentlich erzählt wird und wer sie erzählen darf.
Wer war Brandon Teena?
Brandon Teena wurde 1972 in Lincoln, Nebraska, geboren und lebte Anfang der Neunzigerjahre als junger Mann, obwohl sein Ausweis ihn als Frau führte. Ende 1993 zog er in die Kleinstadt Falls City, verliebte sich in Lana Tisdel und freundete sich mit deren Bekanntenkreis an, darunter John Lotter und Marvin Thomas Nissen.
Am Heiligabend 1993 fanden die beiden Männer heraus, dass Brandon trans war. Sie vergewaltigten ihn in derselben Nacht. Brandon erstattete Anzeige, der zuständige Sheriff verhörte ihn jedoch mit Fragen, die seine Geschlechtsidentität in den Mittelpunkt stellten statt der Tat, und leitete zunächst keine Anklage ein. Eine Woche später, am 31. Dezember 1993, kehrten Lotter und Nissen zurück. Sie erschossen Brandon Teena sowie zwei weitere Menschen, die zufällig anwesend waren: Lisa Lambert, in deren Farmhaus sich Brandon versteckt hielt, und Philip DeVine, einen Bekannten von Lamberts Mitbewohnerin. Nissen wurde 1995 zu lebenslanger Haft verurteilt, Lotter 1996 zum Tode – ein Urteil, das nach mehreren Berufungsverfahren bis heute nicht vollstreckt wurde.
Wie der Film entstand
Kimberly Peirce, damals Studentin an der Columbia University, las während ihres Studiums von dem Fall und arbeitete fast fünf Jahre an Drehbuch und Recherche, bevor die Produktion begann. Hilary Swank bereitete sich auf die Rolle vor, indem sie mehrere Wochen im Alltag als Mann auftrat, um Gestik, Stimme und Körperhaltung zu verinnerlichen. Für ihre Darstellung erhielt sie 2000 den Oscar als beste Hauptdarstellerin – die erste Auszeichnung dieser Kategorie für eine Rolle, die als trans Figur angelegt ist.
Die Kritik: Wessen Geschichte fehlt
Je bekannter der Film wurde, desto lauter wurden auch die Einwände. Zwei davon prägen die Debatte bis heute.
Der erste betrifft, wer ausgespart bleibt. Peirce konzentrierte die Handlung fast vollständig auf Brandon und Lana und strich die beiden anderen Opfer aus der Erzählung fast vollständig heraus. Lisa Lambert taucht im Film kaum als eigenständige Person auf, Philip DeVine, ein Schwarzer Mann mit Behinderung, wird komplett ausgelassen. Kritiker:innen sehen darin mehr als eine dramaturgische Straffung: Die realen Umstände des Verbrechens – Klasse, Rasse, ländliche Armut – verschwinden zugunsten einer stärker zugespitzten, individuellen Tragödie.
Der zweite Einwand richtet sich gegen die Besetzung selbst. Dass eine cis Schauspielerin einen trans Mann spielt und eine cis lesbische Regisseurin seine Geschichte inszeniert, wurde besonders in trans Communitys als Teil eines größeren Musters gelesen: Hollywood erzählt trans Leben, ohne trans Menschen die Rollen oder die Deutungshoheit zu überlassen. Diese Diskussion holte den Film Jahre später erneut ein, etwa 2017, als Studierende am Reed College in Portland gegen eine geplante Vorführung protestierten und Peirce zu einem Gespräch über den Film einluden.
Was von dem Film bleibt
Beide Kritikpunkte schließen nicht aus, dass „Boys Don't Cry“ zugleich einen realen Effekt hatte: Er machte einen Mordfall sichtbar, der sonst regional verblasst wäre, und brachte Gewalt gegen trans Menschen erstmals einem breiten Kinopublikum nahe. Genau diese doppelte Bilanz – Sichtbarkeit einerseits, Auslassung und problematische Besetzung andererseits – macht den Film bis heute zu einem Fixpunkt, wenn über die Geschichte queerer Filmrepräsentation gesprochen wird.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 18. August 2026