Andrew Beckett ist erfunden, sein Fall nicht. Wie der New Yorker Anwalt Geoffrey Bowers und der Hollywoodfilm Philadelphia zusammenhängen – und warum die queere Community den Film trotz zweier Oscars nie ganz als ihren eigenen ansah.
Als Philadelphia im Dezember 1993 anlief, war er der erste große Hollywoodfilm, der AIDS nicht als Randnotiz behandelte. Tom Hanks spielt Andrew Beckett, einen erfolgreichen Anwalt, der gefeuert wird, sobald seine Kanzlei von seiner HIV-Infektion erfährt. Er verklagt seinen früheren Arbeitgeber – mit Hilfe von Joe Miller (Denzel Washington), einem Prozessanwalt, der zunächst selbst mit Vorurteilen kämpft, bevor er den Fall übernimmt.
Erfunden ist nur Beckett selbst. Dahinter steht ein realer Fall, an dem sich Regisseur Jonathan Demme und Drehbuchautor Ron Nyswaner orientierten.
Der Anwalt, dessen Fall zur Vorlage wurde
Geoffrey Bowers arbeitete als Associate bei der Großkanzlei Baker & McKenzie in New York. Im Mai 1986 bekam er eine gute Beurteilung, im Juli stimmten die Partner trotzdem für seine Entlassung. Zunächst widersprach ein Vorgesetzter, im Oktober fiel die Entscheidung erneut – am 5. Dezember 1986 musste Bowers die Kanzlei verlassen.
Er ging vor die New York State Division of Human Rights. Die Anhörungen begannen am 14. Juli 1987. Miterlebt hat Bowers sie kaum: Er starb am 30. September 1987 im Alter von 33 Jahren an den Folgen von AIDS, keine zwei Monate nach dem ersten Verhandlungstag. Sein Fall lief trotzdem weiter, über insgesamt sechs Jahre. Im Dezember 1993, im selben Monat, in dem Philadelphia in die Kinos kam, sprach ihm die Behörde 500.000 Dollar Entschädigung und entgangenen Lohn zu. Berufung legte Baker & McKenzie zunächst ein, zog sie aber 1995 zurück, nachdem man sich mit der Familie vertraulich geeinigt hatte.
Für das Drehbuch zog Nyswaner außerdem den Fall von Clarence Cain heran, einem Anwalt, der 1990 bei Hyatt Legal Services gekündigt wurde, nachdem er seine HIV-Diagnose offengelegt hatte. Persönlich motiviert war das Projekt zusätzlich: Nyswaners Neffe Kevin hatte 1988 seine HIV-Diagnose erhalten, was den Autor nach eigenen Angaben zu dem Stoff brachte.
Ein Prozess nach dem Kinostart
Die Bowers-Familie sah in Philadelphia mehr als lose Inspiration. 1996 verklagte sie TriStar Pictures auf zehn Millionen Dollar und listete 54 Szenen auf, die sich nach ihrer Lesart zu eindeutig mit Bowers' Leben deckten. Stets hatten die Produzenten betont, nur öffentlich zugängliche Quellen genutzt zu haben. Nach einem fünftägigen Prozess einigte man sich außergerichtlich; TriStar räumte im März 1996 ein, der Film sei „teilweise inspiriert“ von Bowers' Geschichte. Die genauen Bedingungen des Vergleichs blieben unter Verschluss.
Ein Film für wen gemacht?
Kritik kam nicht nur von rechts, sondern auch aus der eigenen Community. Der Aktivist und Dramatiker Larry Kramer nannte Philadelphia „herzzerreißend mittelmäßig“ – zu sauber, zu vorsichtig für ein Thema, das gerade Zehntausende das Leben kostete. Ronald Mark Kraft schrieb im schwulen Magazin The Advocate, Schwule und Lesben dürften sich betrogen fühlen: Der Film liefere „AIDS 101 und Gay 101, hübsch mit roter Schleife verpackt“ – aber gemacht sei er nicht in erster Linie für sie.
Der Vorwurf zielte vor allem auf die Erzählstruktur. Formal dreht sich Philadelphia um Beckett, tatsächlich trägt aber Joe Miller einen Großteil der Handlung: Sein Wandel vom Vorurteil zur Solidarität liefert die eigentliche Dramaturgie, während Beckett zusehends zur leidenden Figur im Hintergrund wird. Auch seine Beziehung zu Partner Miguel (Antonio Banderas) bleibt auffällig zurückhaltend inszeniert – kaum Zärtlichkeit, keine der Ehekrisen und Alltagsszenen, die einer heterosexuellen Filmbeziehung selbstverständlich zugestanden worden wären. Aus heutiger Perspektive liest sich das als Zugeständnis an ein Massenpublikum, dem der Film AIDS nahebringen wollte, ohne es mit einer ungefilterten schwulen Liebesgeschichte zu überfordern.
Zwei Oscars und eine Wirkung, die über den Film hinausging
Philadelphia spielte weltweit gut 200 Millionen Dollar ein und holte zwei Academy Awards: Tom Hanks als bester Hauptdarsteller und Bruce Springsteen für „Streets of Philadelphia“ als bester Song – ein Stück, das er eigens für den Film schrieb. Trotz aller berechtigten Kritik blieb die kulturelle Wirkung groß: Ein Mainstream-Studiofilm mit A-Liste-Besetzung zeigte AIDS erstmals nicht als abstrakte Bedrohung, sondern als das, was es für Bowers, Cain und tausende andere war – ein Grund, gefeuert zu werden, lange bevor die Krankheit ihnen überhaupt die Wahl ließ, ob sie weiterarbeiten wollten.
Am Ende bleiben zwei Geschichten übereinander: die von Andrew Beckett, der im Film seinen Prozess gewinnt, kurz bevor er stirbt, und die von Geoffrey Bowers, der sein Urteil nicht mehr erlebte. Der Film erzählt die erste. Ohne die zweite gäbe es ihn nicht.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 18. August 2026