Seit 2010 zeichnet die Queer Palm unabhängig von der offiziellen Jury Filme mit queerer Thematik im Programm des Festivals de Cannes aus – von „Carol“ bis „Joyland“. Wer den Preis gegründet hat, wie die Auswahl funktioniert und wer bisher gewonnen hat.
Die Palme, um die sich in Cannes jeden Mai alles dreht, ist nicht die einzige, die vergeben wird. Seit 2010 gibt es einen zweiten Preis, der unabhängig von der offiziellen Festivaljury läuft und gezielt Filme mit queeren Themen auszeichnet: die Queer Palm. Sie hat inzwischen einen festen Platz im Festivalprogramm – und eine Gewinnerliste, die sich wie ein Best-of des queeren Weltkinos liest.
Wer die Queer Palm ins Leben gerufen hat
Gegründet wurde der Preis 2010 vom Journalisten Franck Finance-Madureira. Unterstützt wird er von den Filmemachern Olivier Ducastel und Jacques Martineau, bekannt für Filme wie „Jeanne und der perfekte Typ“ oder „Crustacés et coquillages“. Die Idee dahinter: Cannes zeigt jedes Jahr Filme mit lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans Figuren – doch die großen offiziellen Preise gehen selten an sie. Die Queer Palm sollte diese Lücke schließen, ganz ohne den Segen der Festivalleitung, aber mit deren stillschweigender Duldung.
Im ersten Jahr kamen gerade einmal fünf oder sechs Filme überhaupt für die Auswahl infrage. Mittlerweile sichtet die Jury jedes Jahr rund 20 Beiträge – ein Hinweis darauf, wie viel selbstverständlicher queere Geschichten im internationalen Autorenkino heute erzählt werden.
Welche Filme überhaupt teilnehmen dürfen
Die Queer Palm ist kein eigenständiger Wettbewerb mit eigener Anmeldung. Stattdessen durchforstet die Jury das gesamte Cannes-Programm nach Filmen mit LGBTQ+-Bezug – unabhängig davon, in welcher Sektion sie laufen. In Frage kommen Filme aus:
- der Official Selection (inklusive Wettbewerb um die Palme d'Or)
- Un Certain Regard
- der Semaine de la Critique (Critics' Week)
- der Quinzaine des Cinéastes (Directors' Fortnight)
- der ACID-Reihe (Association du Cinéma Indépendant pour sa Diffusion)
Ein Film kann also gleichzeitig um die Palme d'Or und um die Queer Palm konkurrieren, wie es etwa 2015 mit „Carol“ der Fall war.
Die Jury
Die Jury setzt sich jedes Jahr neu aus Filmschaffenden, Kritiker:innen und Festivalprogrammierer:innen aus verschiedenen Ländern zusammen. Sie tagt parallel zu den offiziellen Jurys und vergibt den Preis meist am letzten oder vorletzten Festivaltag, kurz vor der großen Schlussgala.
Wer die Queer Palm bislang gewonnen hat
Die Gewinnerliste ist über die Jahre zu einer Art Kanon des queeren Autorenkinos geworden:
- 2010: „Kaboom“ (Gregg Araki)
- 2011: „Beauty / Skoonheid“ (Oliver Hermanus)
- 2012: „Laurence Anyways“ (Xavier Dolan)
- 2013: „Der Fremde am See“ (Alain Guiraudie)
- 2014: „Pride“ (Matthew Warchus)
- 2015: „Carol“ (Todd Haynes)
- 2016: „Les Vies de Thérèse“ (Sébastien Lifshitz)
- 2017: „120 BPM“ (Robin Campillo)
- 2018: „Girl“ (Lukas Dhont)
- 2019: „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ (Céline Sciamma)
- 2020: keine Verleihung (Cannes fand pandemiebedingt nicht statt)
- 2021: „La Fracture“ (Catherine Corsini)
- 2022: „Joyland“ (Saim Sadiq)
- 2023: „Monster“ (Hirokazu Kore-eda)
- 2024: „Trei Kilometri Pana La Capatul Lumii“ (Emanuel Pârvu)
- 2025: „La Petite Dernière“ (Hafsia Herzi)
- 2026: „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ (Jane Schoenbrun)
Céline Sciamma war 2019 die erste Frau, die den Preis gewann – neun Jahre nach der ersten Verleihung. „Joyland“ von Saim Sadiq sorgte 2022 für Aufsehen, weil der Film in Pakistan zunächst verboten wurde, bevor er dort nach Protesten der Filmschaffenden doch noch ins Kino kam.
2026 hat die Jury das Format erstmals erweitert: Neben dem Hauptpreis gab es zum ersten Mal einen Nachwuchspreis (Queer Palm Revelation) für Pierre Le Galls „Flesh and Fuel“ sowie eine eigene Auszeichnung für den besten Kurzfilm, die an „Silent Voice“ von Nadine Misong Jin ging.
Wie sich die Queer Palm zu anderen Festivalpreisen verhält
Cannes ist mit der Queer Palm nicht allein. Die Berlinale vergibt seit 1987 den Teddy Award, Venedig seit 2007 den Queer Lion. Alle drei Preise verfolgen dasselbe Prinzip: eine unabhängige Jury zeichnet innerhalb eines großen, nicht queer-spezifischen Festivals gezielt Filme mit LGBTQ+-Relevanz aus. Der Unterschied liegt vor allem im Status – der Teddy Award ist mittlerweile offiziell ins Berlinale-Programm eingebunden, die Queer Palm bleibt formal ein unabhängiges Projekt ohne offizielle Anbindung an die Festivalorganisation.
Für das queere Kino hat das trotzdem einen handfesten Effekt: Ein Gewinn bei der Queer Palm bringt internationale Aufmerksamkeit, oft auch Verleihabschlüsse in Ländern, in denen ein Film sonst kaum Beachtung gefunden hätte. „Girl“, „Joyland“ und „Monster“ etwa erreichten nach ihrem Cannes-Erfolg ein deutlich größeres Publikum, als es ein Nischenfilm ohne einen solchen Preis normalerweise hätte.
Ausblick
Mit inzwischen über einem Dutzend Ausrichtungen ist die Queer Palm längst mehr als eine Randnotiz im Festivalkalender. Sie zeigt Jahr für Jahr, wie breit queeres Erzählkino inzwischen aufgestellt ist – von leisen Beziehungsdramen wie „Carol“ über politische Stoffe wie „120 BPM“ bis zu internationalen Produktionen wie „Joyland“ aus Pakistan. Wer wissen will, welche queeren Filme aus Cannes im kommenden Kinojahr Aufmerksamkeit verdienen, findet in der Gewinnerliste der Queer Palm einen verlässlichen Wegweiser.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 2. September 2026