Von 1991 bis 2011 brachte das Festival Verzaubert queeres Kino in vier deutsche Städte, bis steigende Kosten es zermürbten. Wir erzählen, wie sein Nachfolger, das Queerfilmfestival, seit 2019 ein ganz anderes Format daraus macht.
Wer in den Neunzigern und Nullerjahren queere Filme im Kino sehen wollte, kam an einem Namen kaum vorbei: Verzaubert. Das Festival brachte lesbisches und schwules Kino in einer Zeit auf die große Leinwand, in der viele dieser Filme sonst nirgendwo liefen. Heute übernimmt eine neue Veranstaltung diese Rolle – mit einem ganz anderen Konzept.
Der Anfang ab 1991
Verzaubert wurde 1991 gegründet und tourte von da an fast jedes Jahr im November oder Dezember durch vier Städte: München, Frankfurt am Main, Köln und Berlin. Organisiert wurde das Festival von Rosebud Entertainment, benannt nach dem legendären Schlitten aus „Citizen Kane“. Ab 1998 vergab die Jury den Rosebud-Publikumspreis für den besten Spiel- und den besten Kurzfilm.
Zum festen Programm gehörten Reihen wie die „Gay Propaganda Night“ und „The Elle World“ (zunächst unter dem Titel „Lesbisch – die Freiheit nehm ich mir“). Für ein Publikum, das im linearen Fernsehen kaum vorkam, waren das mehr als nette Filmabende – Verzaubert war über Jahre eine der wenigen verlässlichen Bühnen für queeres Erzählkino in Deutschland.
Der Umbau, der nicht mehr reichte
2008 verlegte das Festival seinen Termin erstmals in den Frühling. Der Wechsel änderte wenig an einem tieferliegenden Problem: Die Kosten für Filmmieten und Logistik hatten sich innerhalb weniger Jahre verfünffacht, während die Besucherzahlen stabil blieben, statt mitzuwachsen. Zwischen 2009 und 2011 reagierten die Veranstalter mit einer radikalen Abspeckung – aus dem mehrtägigen Festival wurde das „Verzaubert Queer Film Weekend“, ein Wochenende ohne Gäste und ohne Preisverleihung.
2011 lief die letzte Ausgabe, inzwischen von Rudolf Fürstberger allein gestemmt statt von Rosebud Entertainment. Ein Jahr später gab es einen Neustart-Versuch unter dem Namen „Liebe Filme Festival“, der sich programmatisch für heterosexuelle Liebesgeschichten öffnete. Es blieb bei einem einzigen Vorschau-Wochenende im April 2012 – danach war Schluss.
Die Lücke und ihr Nachfolger
Fast sieben Jahre lang gab es in Deutschland kein vergleichbares reisendes Queer-Filmfestival mehr. 2019 sprang der Filmverleih Salzgeber in diese Lücke und rief das Queerfilmfestival ins Leben.
Salzgeber selbst hat in der queeren Filmgeschichte einiges an Gewicht: Der Verleih wurde 1985 von Manfred Salzgeber gegründet, zu einer Zeit, in der sich kein anderer deutscher Verleih oder Sender an einen Film über Aids herantraute. Nach Salzgebers Tod 1994 führte Björn Koll das Unternehmen weiter und brachte Regisseur:innen wie Derek Jarman, Gus Van Sant und Monika Treut auf deutsche Leinwände.
Das Queerfilmfestival übernimmt von Verzaubert die Grundidee – aktuelle queere Filme dorthin bringen, wo sonst kein Kino sie zeigt –, dreht aber das Format um. Statt sich Woche für Woche durch einzelne Städte zu bewegen, laufen die Filme gleichzeitig in mehreren Städten während einer einzigen Festivalwoche. Die achte Ausgabe findet vom 10. bis 16. September 2026 statt, zeitgleich in dreizehn Städten: unter anderem Berlin, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Köln, Leipzig, München, Nürnberg, Stuttgart und – über die Landesgrenze hinweg – Wien.
Gezeigt werden Spiel- und Dokumentarfilme aus dem jeweils aktuellen Kinojahrgang, kuratiert von Salzgeber. Frühere Ausgaben liefen etwa mit dem britischen Drama „Blue Jean“ über eine lesbische Lehrerin im Thatcher-England, dem Coming-of-Age-Film „Drifter“ oder der kolumbianischen Dokumentation „Anhell69“.
Kino als ganzjähriges Angebot
Wer nicht bis zur nächsten Festivalwoche warten will, muss das auch nicht: Mit der monatlichen Reihe „queerfilmnacht“ bespielt Salzgeber über vierzig Kinos in Deutschland und Österreich – auch abseits der großen Städte, die beim Festival selbst im Programm stehen. Für kleinere Orte ist das oft die einzige Gelegenheit, aktuelles queeres Kino überhaupt auf großer Leinwand zu sehen.
Für Kinogänger:innen heißt das im Ergebnis: Statt eines einzelnen Termins im Kalenderjahr gibt es heute ein Netz aus Festivalwoche und Monatsreihe, das deutlich mehr Städte erreicht als Verzaubert es in seinen besten Jahren tat. Was verloren ging, ist die mehrwöchige Tour mit persönlicher Gästebetreuung durch die immer gleichen vier Metropolen. Was dazugewonnen wurde, ist Reichweite – und ein Format, das über sieben Jahre stabil geblieben ist, wo sein Vorgänger nach zwanzig Jahren am steigenden Kostendruck scheiterte.