1977 hängte eine Handvoll Filmfans in San Francisco ein Bettlaken an die Wand und zeigte Super-8-Kurzfilme vor 200 Leuten in einem 125-Plätze-Saal. Fast fünfzig Jahre später ist daraus Frameline geworden – das älteste durchgehend stattfindende LGBTQ+-Filmfestival der Welt.
An einem Februarabend 1977 hängten ein paar Filmfans in San Francisco ein Bettlaken an eine Wand und liehen sich einen Projektor. Fast fünfzig Jahre später ist daraus das älteste durchgehend stattfindende LGBTQ+-Filmfestival der Welt geworden – mit eigenem Verleih, eigenem Förderfonds und Zehntausenden Besucher:innen im Jahr.
Ein Bettlaken statt Leinwand
Am 9. Februar 1977 zeigte eine Gruppe um Marc Huestis, Daniel Nicoletta, David Waggoner und Ric Mears im Gay Community Center in der Page Street 32 eine Auswahl an Super-8-Kurzfilmen. Offiziell hieß die Veranstaltung „Gay Film Festival of Super-8 Films“, intern kursierte auch der Arbeitstitel „Persistence of Vision“. Ausgelegt war der Saal für 125 Personen, gekommen sind schätzungsweise 200 – Publikum saß auf dem Boden und stand an den Wänden.
Im Fotoladen Castro Camera, den Harvey Milk zu dieser Zeit betrieb, waren viele der gezeigten Filme entstanden. Milk selbst saß im Publikum. Zu den Gründungsmitgliedern zählten neben Huestis, Nicoletta, Waggoner und Mears auch Berne Boyle, Greg Gonzales und Wayne Smolen – ein kleiner Kreis aus der Castro-Nachbarschaft, der aus einer einmaligen Vorführung eine feste Institution machte.
Vom losen Treffen zur Organisation
1982 gründete sich die Gruppe als gemeinnützige Organisation neu und trat fortan unter dem Namen Frameline auf, das Festival hieß nun „Frameline: San Francisco International Lesbian and Gay Film Festival“. Im selben Jahr entstand mit Frameline Distribution ein eigener Verleih, der Filme von und über queere Menschen an Kinos, Universitäten und Sender vermittelte – zu einer Zeit, in der kaum ein anderer Vertrieb dafür Interesse zeigte.
Maßgeblich professionalisiert wurde die Arbeit von Michael Lumpkin, der ab Anfang der 1980er Jahre dazustieß, ab 1986 fest angestellt war und die Organisation über zwei Amtszeiten (1980–1990 und 1996–2008) leitete. Unter ihm wuchs das Programm von Kurzfilmabenden zu einem mehrtägigen Festival mit Spielfilmen, internationalen Gästen und einem zunehmend breiteren Blick auf die Community.
Der Streit, der das Festival veränderte
1986 sorgte ein Vorfall im Kino Roxie für Aufsehen, der als „Lesbian Riot“ in die Festivalgeschichte einging: Lesbische Filmschaffende und Zuschauerinnen protestierten gegen ein Programm, das ihre Perspektiven kaum berücksichtigte. Folgenlos blieb der Streit nicht: Frameline richtete einen Completion Fund ein, der explizit unterrepräsentierte Filmemacher:innen unterstützt, und besetzte Entscheidungspositionen deutlich diverser als zuvor.
Auch mit staatlicher Förderung machte das Festival Erfahrungen, die typisch für die US-Kulturpolitik jener Jahre waren: 1988 erhielt Frameline erstmals einen Zuschuss vom National Endowment for the Arts, wurde in den 1990er Jahren jedoch zur Zielscheibe konservativer Kongressabgeordneter, weil diese Fördergelder für als „obszön“ markierte Kunst grundsätzlich infrage stellten. In der Folge entfiel die Unterstützung.
New Queer Cinema und der Ruf als Talentschmiede
Anfang der 1990er wurde Frameline zur Bühne einer neuen Filmbewegung, die Kritiker:innen später „New Queer Cinema“ nannten. 1991 lief Todd Haynes' „Poison“ im Programm, 1994 folgte Rose Troches „Go Fish“, 1996 Cheryl Dunyes „The Watermelon Woman“ – Filme, die von dort aus internationale Karrieren machten. In dieser Phase festigte sich der informelle Ruf des Festivals als „Cannes des queeren Kinos“: Wer hier lief, wurde in der Branche wahrgenommen.
Mit der wachsenden Sichtbarkeit änderte sich der Name der Veranstaltung mehrfach: 2005 wurde daraus offiziell das „San Francisco International LGBT Film Festival“, 2015 kam das Q für LGBTQ+ hinzu. Im Alltag setzte sich schon ab den frühen 2000ern die kurze Form „Frameline“ mit fortlaufender Nummer durch, unter der das Festival bis heute firmiert.
Fünfzig Jahre später
Heute zieht Frameline über elf Tage im späten Juni zwischen 60.000 und 80.000 Besucher:innen an, traditionell mit dem Castro Theatre als Hauptspielstätte und einem Abschluss am San Francisco Pride Day. 2026 feierte das Festival vom 17. bis 27. Juni sein 50-jähriges Bestehen – zugleich die Wiedereröffnung des Castro Theatre nach zweijähriger Renovierung. Geschäftsführerin Allegra Madsen beschrieb den Moment als Gelegenheit, auf die Wegbereiter:innen zurückzublicken, die das Festival über Jahrzehnte getragen haben.
Was 1977 als improvisierte Vorführung in einem Nachbarschaftszentrum begann, ist damit zu einer der wenigen queeren Kulturinstitutionen geworden, die fast ein halbes Jahrhundert lang ohne Unterbrechung bestanden hat – durch Förderkürzungen, interne Konflikte und einen vollständigen Wandel der Filmlandschaft hindurch.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 14. August 2026