LGSM, Mark Ashton, die Labour-Resolution von Bournemouth: Was am Film „Pride“ (2014) erfunden ist – und was sich wirklich so zugetragen hat.
Ein Bergarbeiterstreik in Wales und eine Gruppe schwuler und lesbischer Aktivisten aus London — auf dem Papier klingt „Pride“ wie eine Handlungserfindung fürs Kino. Fast alles davon ist tatsächlich passiert.
Ausgangspunkt war eine Spendensammlung beim Christopher Street Day in London im Juni 1984, während in Großbritannien der große Bergarbeiterstreik gegen die Zechenschließungen unter Margaret Thatcher lief. Kurz darauf sprach ein Vertreter der südwalisischen National Union of Mineworkers (NUM) bei einem Treffen der Studierendenvertretung in London. Mark Ashton und Mike Jackson, zwei Aktivisten mit sozialistischem Hintergrund, hatten daraufhin die Idee, eine eigene, offen queere Solidaritätsgruppe zu gründen: Lesbians and Gays Support the Miners (LGSM), formal gegründet im Juli 1984. Bis zum Streikende im März 1985 waren über sechzig Menschen an der Gruppe beteiligt, die rund 20.000 Pfund für streikende Bergarbeiterfamilien sammelte — im Film großzügig aufgerundet, in der Realität schon beachtlich genug.
Der Film verdichtet die Geschichte auf eine walisische Gemeinde, Onllwyn, in der LGSM tatsächlich aktiv war. Die anfängliche Skepsis auf beiden Seiten ist keine dramaturgische Zutat: Eine explizit queere Unterstützergruppe war in den frühen Achtzigern selbst für eine traditionell links geprägte Bergbaugemeinde ungewohnt. Dass daraus eine echte Verbindung wurde, zeigte sich 1985 sichtbar: Eine Delegation von Bergarbeitern und ihren Familien aus Süd-Wales nahm an der Pride-Parade in London teil — im Film der emotionale Schlusspunkt, historisch verbürgt.
Auch die politische Pointe am Ende ist keine Filmlizenz. Beim Labour-Parteitag 1985 in Bournemouth wurde gegen den Rat der Parteiführung eine Resolution zu Lesbierinnen- und Schwulenrechten verabschiedet — mit knapp 3,4 gegen 2,8 Millionen Stimmen im gewerkschaftlichen Blockwahlsystem. Den Ausschlag gab maßgeblich die geschlossene Stimmabgabe der NUM, die sich mit den Stimmen von LGSM revanchierte. Es war die erste queerpolitische Resolution, die je auf einem Labour-Parteitag angenommen wurde, und ein früher Baustein der späteren Programmatik der Partei zu LGBT-Rechten.
Die Hauptfiguren haben reale Vorbilder, auch wenn der Film nicht alle Namen wörtlich übernimmt. Mark Ashton (im Film gespielt von Ben Schnetzer) war Mitbegründer und die treibende Kraft von LGSM; er starb am 11. Februar 1987 im Alter von 26 Jahren an den Folgen von AIDS, elf Tage nach der Diagnose. Jonathan Blake (Dominic West) gehörte zu den ersten in Großbritannien diagnostizierten HIV-Fällen und lebte entgegen der damaligen Prognosen noch Jahrzehnte weiter. Mike Jackson (Joseph Gilgun) war Ashtons engster Mitstreiter in der Gruppe und ist bis heute als Zeitzeuge aktiv. Eine der wenigen bewusst erfundenen Figuren ist Joe „Bromley“ Cooper, über den die junge Generation queerer Zuschauender einen Zugang zur Geschichte bekommt.
Der Film endet mit dem Verweis, dass die walisischen Bergbaugemeinden in den Jahren danach zu verlässlichen Verbündeten der LGBT-Bewegung wurden — sichtbar unter anderem daran, dass walisische Bergarbeitergewerkschaften seither regelmäßig bei Pride-Umzügen mitlaufen. Für einen Film, der neun Jahre nach den Ereignissen entstand und um Zuschaubarkeit und Timing kämpfen musste wie jede Literaturverfilmung, bleibt „Pride“ damit ungewöhnlich nah an dem, was tatsächlich geschah.