„The Imitation Game“ machte Alan Turing einem Millionenpublikum bekannt – als Codeknacker und als Symbolfigur queerer Verfolgungsgeschichte. Was stimmt an dem Film, was ist Dramaturgie, und wie ging die reale Geschichte nach dem Krieg weiter?
Ein Genie, das den Krieg verkürzte
Alan Turing war Mathematiker, Logiker und einer der wichtigsten Köpfe hinter der britischen Codeknacker-Einheit in Bletchley Park. Zusammen mit seinem Team baute er Maschinen, die halfen, die deutsche Enigma-Verschlüsselung zu brechen. Nach Schätzungen von Historiker:innen verkürzte diese Arbeit den Zweiten Weltkrieg um rund zwei Jahre und rettete Millionen Menschenleben. „The Imitation Game“ (2014) mit Benedict Cumberbatch in der Hauptrolle erzählt diese Geschichte – und wurde dafür mit einem Oscar für das beste adaptierte Drehbuch ausgezeichnet.
Der Film machte Turing einem Millionenpublikum bekannt, das ihn zuvor kaum kannte. Wie nah er dabei an den Tatsachen bleibt, lohnt einen genaueren Blick.
Was der Film richtig erzählt
Im Kern stimmt die Geschichte: Turing arbeitete tatsächlich in Bletchley Park an der „Bombe“, einer elektromechanischen Maschine zum Entschlüsseln von Enigma-Nachrichten, die auf einer polnischen Vorarbeit aufbaute. Bis in die 1970er-Jahre blieb die Arbeit dort geheim – viele Codeknacker:innen, auch Turing selbst, durften jahrzehntelang mit niemandem darüber sprechen. Auch dass Turing als sozial unangepasst und schwierig im Umgang galt, entspricht Erinnerungen von Kolleg:innen, wenn der Film seine Art auch deutlich zuspitzt.
Was sich der Film ausgedacht hat
Einige der dramatischsten Szenen sind frei erfunden. Die Spionage-Nebenhandlung um den Kollegen John Cairncross etwa: Cairncross hat tatsächlich Informationen aus Bletchley Park an die Sowjetunion weitergegeben, arbeitete aber in einer anderen Einheit als Turing – es gibt keinen Beleg, dass sich die beiden je begegnet sind. Ähnlich unwahrscheinlich ist die im Film gezeigte persönliche Konfrontation mit Geheimdienstchef Stewart Menzies – Einzelkontakte dieser Art zwischen Führungsebene und einem von tausenden Codeknacker:innen sind historisch kaum belegt. Der Name „Christopher“ für die Maschine, den der Film als anrührende Hommage an Turings verstorbene Jugendliebe Christopher Morcom inszeniert, ist eine dramaturgische Zutat – die echte Maschine hieß schlicht „Bombe“. Insgesamt gilt: Der Film verdichtet und dramatisiert, wo die reale Geschichte komplizierter und weniger filmisch verlief.
Die Geschichte, die der Film nur streift
Was „The Imitation Game“ eher am Rand behandelt, ist der Teil von Turings Leben, der ihn für queere Geschichte so zentral macht. 1952 zeigte Turing nach einem Einbruch in seiner Wohnung der Polizei an, wer dafür verantwortlich war – und erwähnte dabei beiläufig eine Beziehung zu einem Mann. Nach damaligem britischem Recht war das strafbar. Turing wurde wegen „grober Unzucht“ verurteilt und vor die Wahl gestellt: Gefängnis oder eine einjährige Hormonbehandlung, die seine Libido unterdrücken sollte – eine Form chemischer Kastration. Weil er eine Haftstrafe vermeiden wollte, entschied er sich für die Behandlung – und verlor in der Folge seine Sicherheitsfreigabe und damit den Zugang zu seiner Arbeit für den britischen Geheimdienst.
Am 7. Juni 1954 starb Turing im Alter von 41 Jahren an einer Zyanidvergiftung. Ein Gericht kam damals zu dem Schluss, er habe sich selbst getötet. Diese Einschätzung ist bis heute nicht unumstritten: Der Turing-Forscher Jack Copeland wies 2012 darauf hin, dass die damaligen Beweise eine Suizidfeststellung nach heutigen Maßstäben kaum tragen würden, und hält eine versehentliche Vergiftung durch Zyanid-Dämpfe für ebenso plausibel – Turing besaß eine kleine Apparatur zur Goldelektrolyse, bei der Kaliumzyanid zum Einsatz kam. Weil sich beide Lesarten mit den bekannten Fakten vereinbaren lassen, gibt es bis heute keine endgültige Klärung.
Rehabilitierung, Jahrzehnte zu spät
Erst 2009 entschuldigte sich die britische Regierung offiziell für den Umgang mit Turing. 2013 folgte eine posthume königliche Begnadigung. 2017 trat der sogenannte „Alan Turing Law“ in Kraft, der Tausende historisch wegen einvernehmlicher gleichgeschlechtlicher Handlungen verurteilte Männer automatisch posthum begnadigt und lebenden Betroffenen ermöglicht, ihre Verurteilung offiziell streichen zu lassen. Turings Fall war dabei der bekannteste – aber bei Weitem nicht der einzige.
Heute gilt Turing als einer der Begründer der modernen Informatik: Der nach ihm benannte „Turing-Test“ prägt bis heute Debatten über künstliche Intelligenz, und seit 2021 ziert sein Porträt die britische 50-Pfund-Note, deren Sicherheitsstreifen sein Geburtsdatum in Binärcode zeigt.
Warum die Geschichte weiterwirkt
„The Imitation Game“ nimmt sich künstlerische Freiheiten, wie es historische Dramen fast immer tun. Was bleibt, ist der reale Kern: ein Mann, dessen Denken den Lauf des Krieges veränderte und der wenige Jahre später vom selben Staat, dem er gedient hatte, wegen seiner Sexualität kriminalisiert wurde. Diese Doppelbödigkeit – Anerkennung und Verfolgung durch dieselbe Institution – macht Turings Geschichte zu einem der prägendsten Kapitel queerer Zeitgeschichte, weit über den Film hinaus.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 25. August 2026