Bisexuelle Figuren tauchen im Kino auf – und verschwinden doch ständig. Warum das "B" so selten ausgesprochen wird und welche Filme es besser machen.
Bisexualität ist im Kino seltsam präsent und gleichzeitig kaum greifbar. Figuren begehren Menschen mehrerer Geschlechter, doch das Wort "bisexuell" fällt fast nie. Stattdessen entscheidet sich die Figur am Ende für eine Seite, und das Publikum liest sie als schwul, lesbisch oder schlicht heterosexuell. Genau an dieser Stelle entsteht ein blinder Fleck, der eine ganze Gruppe queerer Menschen aus dem Bild drängt.
Wie sich bisexuelle Unsichtbarkeit auf der Leinwand zeigt
Bi-Erasure, also das Wegerklären oder Übersehen von Bisexualität, funktioniert im Film nach erstaunlich festen Mustern. Eine Figur hat eine Beziehung mit einem Mann und später eine mit einer Frau, doch das Drehbuch behandelt die erste Liebe als "Phase" und die zweite als das eigentliche Coming-out. Der Begriff selbst bleibt ungenannt.
Ältere Filme zeigen das Muster fast lehrbuchhaft. In Personal Best (1982) durchlebt die Hauptfigur eine Beziehung zu einer Frau und landet am Ende bei einem Mann. In Chasing Amy (1997) verliebt sich Alyssa in einen Mann, kehrt aber zur Selbstbeschreibung als lesbisch zurück. Beide Male wird Mehrfachbegehren erzählt und im selben Atemzug wieder einkassiert.
Das hat Folgen über die Kinoleinwand hinaus. Wer sich selbst kaum in Geschichten wiederfindet, dem fehlen Vorbilder und Bestätigung. Forschung zur psychischen Gesundheit zeigt seit Jahren, dass bisexuelle Menschen im Schnitt schlechtere Werte aufweisen als heterosexuelle und auch als schwule oder lesbische Personen. Repräsentation ist hier keine Geschmacksfrage, sondern ein Stück Sichtbarkeit im Alltag.
Was die Zahlen über bisexuelle Repräsentation sagen
Die US-Organisation GLAAD untersucht jährlich, wie queere Figuren in großen Studiofilmen vorkommen. Das Bild für Bisexualität ist ernüchternd, gerade weil bi+ Menschen innerhalb der LGBTQ-Community die größte Gruppe stellen.
- Von den 181 queeren Figuren, die GLAAD in den US-Kinofilmen des Jahres 2024 zählte, waren nur 19 bisexuell – rund 10 Prozent.
- 2021 enthielten lediglich 13 Prozent der queeren Filme überhaupt eine bisexuelle Figur.
- Im Fernsehen sieht es etwas besser aus: Dort machten bi+ Figuren zuletzt etwa ein Fünftel der queeren Rollen aus, mit deutlich mehr bisexuellen Frauen als Männern.
Schwule und lesbische Figuren tauchen in Studioproduktionen deutlich häufiger auf. Bisexualität bleibt das Schlusslicht – nicht weil es zu wenige bi+ Menschen gäbe, sondern weil Drehbücher das Thema lieber umgehen.
Stereotype, die im Weg stehen
Wenn Bisexualität doch sichtbar wird, dann oft in problematischer Form. Über Jahrzehnte diente sie als Würze für undurchsichtige Bösewichte oder als Signal für Gefahr und Verführung. Die bisexuelle Figur war verlogen, hypersexuell, nie ganz zu fassen. Solche Klischees prägen bis heute, wie Publikum und teils auch Filmemacher Mehrfachbegehren lesen.
Daneben steht das Gegenteil: die völlige Vermeidung. Lieber bleibt eine Figur unausgesprochen, als dass das Drehbuch sie klar als bisexuell benennt. Beide Wege – Dämonisierung und Verschweigen – führen zum selben Ergebnis. Bisexualität wirkt entweder bedrohlich oder gar nicht vorhanden. Verwandt damit ist das Problem des Queerbaitings, bei dem Andeutung echte Repräsentation ersetzt.
Der Streit um die richtige Lesart
Manchmal liegt die bisexuelle Lesart eines Films offen auf dem Tisch und wird trotzdem nicht gezogen. Brokeback Mountain (2005) lief jahrelang als "der schwule Cowboy-Film", obwohl beide Hauptfiguren Beziehungen zu Frauen führen. Ein Teil der Kritik und sogar Sexualforscher lasen Jack und Ennis als bisexuell, während andere bei der schwulen Deutung blieben. Eine eindeutige Antwort gibt der Film bewusst nicht.
Solche Debatten zeigen, wie tief die Vorstellung sitzt, jede Figur müsse sich für eine Seite entscheiden. Wer beide begehrt, wird im Zweifel der besser bekannten Kategorie zugeschlagen. Genau dieser Reflex ist das eigentliche Bi-Erasure. Verwandt damit ist auch das tödliche Erzählmuster, das queere Figuren überproportional oft sterben lässt – mehr dazu im Beitrag zu Bury Your Gays als problematischem Erzählmuster.
Filme, die es anders machen
Es gibt sie, die Beispiele für selbstverständlich erzählte Bisexualität. Frida (2002) zeichnet das Leben der Malerin Frida Kahlo nach und zeigt ihr Begehren für Männer und Frauen, ohne es zu beschönigen oder wegzuerklären. Colette (2018) erzählt von der französischen Autorin und ihren Beziehungen jenseits der heterosexuellen Norm. Solche Stoffe behandeln Mehrfachbegehren nicht als Wendepunkt einer Identitätsfindung, sondern als Teil eines gelebten Lebens.
Wer gezielt nach guter Repräsentation sucht, wird inzwischen vor allem im Seriensegment fündig, wo Figuren mehr Zeit bekommen, sich zu entfalten. Einen Einstieg bietet unser Guide zu queeren Serien für Einsteiger. Auch das New Queer Cinema hat in den 1990ern den Weg für komplexere queere Figuren geebnet. Wer breiter stöbern möchte, findet eine kuratierte Auswahl in unserer Übersicht zu queeren Filmen.
Sichtbarkeit beginnt mit einem Wort. Solange das "B" im Drehbuch fehlt, bleibt ein großer Teil queeren Lebens auf der Leinwand verschwommen.
Häufige Fragen
Was bedeutet Bi-Erasure im Film?
Bi-Erasure bezeichnet das Übersehen oder Wegerklären von Bisexualität. Im Film passiert das typischerweise, indem eine Figur Beziehungen zu mehreren Geschlechtern hat, am Ende aber als schwul, lesbisch oder heterosexuell gelesen wird. Das Wort "bisexuell" fällt dabei fast nie.
Wie viele bisexuelle Figuren gibt es in Kinofilmen?
Laut der jährlichen Auswertung der Organisation GLAAD waren von 181 queeren Figuren in US-Kinofilmen des Jahres 2024 nur 19 bisexuell, also rund 10 Prozent. Bisexuelle Menschen stellen damit das Schlusslicht in der Filmrepräsentation, obwohl sie innerhalb der queeren Community die größte Gruppe bilden.
Warum wird Bisexualität in Filmen selten benannt?
Drehbücher umgehen das Thema oft, weil Bisexualität sich nicht in eine klare Kategorie pressen lässt. Lieber bleibt eine Figur unausgesprochen oder entscheidet sich erzählerisch für eine Seite. Dahinter steckt der verbreitete Reflex, jede Figur müsse eindeutig schwul, lesbisch oder heterosexuell sein.
Welche Filme zeigen Bisexualität gut?
Als gelungene Beispiele gelten unter anderem Frida (2002) über die Malerin Frida Kahlo und Colette (2018) über die französische Autorin. Beide zeigen das Begehren für Männer und Frauen als selbstverständlichen Teil eines Lebens, ohne es als Phase abzutun oder wegzuerklären.
Sind die Hauptfiguren in Brokeback Mountain bisexuell?
Das ist umstritten. Der Film lief lange als "schwuler Cowboy-Film", obwohl beide Hauptfiguren auch Beziehungen zu Frauen führen. Ein Teil der Kritik liest Jack und Ennis als bisexuell, während andere bei der schwulen Deutung bleiben. Der Film selbst gibt bewusst keine eindeutige Antwort.
Welche Stereotype prägen bisexuelle Figuren im Film?
Lange diente Bisexualität als Markierung für undurchsichtige Bösewichte oder als Signal für Verführung und Gefahr. Die bisexuelle Figur galt als verlogen, hypersexuell und schwer zu fassen. Diese Klischees wirken bis heute nach und stehen einer normalen Darstellung von Mehrfachbegehren im Weg.