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Wie B. Ruby Rich 1992 das New Queer Cinema benannte: die wütende, radikale Independent-Welle queerer Filme der frühen 1990er und ihr bleibendes Erbe.
Anfang der 1990er passierte im unabhängigen Kino etwas, das niemand mehr ignorieren konnte. Auf den großen Festivals häuften sich plötzlich Filme von schwulen und lesbischen Regisseur*innen, die nichts mehr beschönigen wollten: keine braven Vorzeige-Figuren, kein Werben um Akzeptanz, sondern wütende, formal verspielte, manchmal verstörende Geschichten über queeres Leben. Die Filmkritikerin B. Ruby Rich gab dieser Welle 1992 in der britischen Zeitschrift Sight & Sound einen Namen: New Queer Cinema.
Wie aus einer Festival-Beobachtung eine Bewegung wurde
Ihr Text war zunächst eine Bestandsaufnahme. Rich war aufgefallen, wie viele queere Independent-Filme auf dem Festival-Zirkus der vorangegangenen Saison liefen, und sie versuchte, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Den Begriff hatte sie zuvor schon in der Village Voice unter dem Titel "Queer Sensation" angerissen.
Eine Schule im klassischen Sinn war das nie. Die Filme verband eher eine Haltung: Sie waren radikal in der Form und aggressiv im Umgang mit sexueller Identität. Statt sympathische Held*innen anzubieten, mit denen ein heterosexuelles Publikum sich versöhnen könnte, stellten sie sperrige, widersprüchliche, oft moralisch ambivalente Figuren in den Mittelpunkt. Das Wort "queer", lange als Beleidigung benutzt, wurde dabei bewusst als Kampfbegriff zurückerobert.
Die Filme, die alles in Gang setzten
Wenn von der ersten Welle die Rede ist, fallen ein paar Titel immer wieder. Tom Kalins Swoon (1992) erzählte den berüchtigten Leopold-und-Loeb-Mordfall konsequent aus queerer Perspektive, in kühlem Schwarz-Weiß. Gregg Araki schickte in The Living End (1992) zwei HIV-positive Männer auf einen nihilistischen Roadtrip, halb Liebesfilm, halb Mittelfinger Richtung Gesellschaft. Christopher Munchs The Hours and Times reimaginierte ein Wochenende zwischen John Lennon und Beatles-Manager Brian Epstein.
Ältere Wegbereiter spielten ebenfalls hinein. Der britische Künstler und Regisseur Derek Jarman hatte mit Arbeiten wie Edward II (1991) bereits vorgemacht, wie sich queere Geschichte und avantgardistische Ästhetik verbinden lassen. Bald kamen Stimmen wie Todd Haynes hinzu, dessen Poison (1991) auf Jean Genet zurückgriff, sowie die lesbische Perspektive, etwa bei Rose Troches und Guinevere Turners Go Fish (1994).
Wut, AIDS und die Weigerung, brav zu sein
Diese Filme entstanden nicht im luftleeren Raum. Die AIDS-Krise hatte eine ganze Generation traumatisiert, und Aktivismus-Gruppen wie ACT UP prägten den Ton der Zeit. Viele Regisseur*innen kamen aus diesem Umfeld oder teilten dessen Zorn über Schweigen, Stigma und politische Untätigkeit.
Daraus folgte eine bewusste Absage an das, was die Schwulen- und Lesbenbewegung der 1970er und 80er an "positiven Bildern" gefordert hatte. Wer ständig nur sympathisch und unbedrohlich erscheinen muss, verliert die Möglichkeit, kompliziert zu sein. Genau diese Komplexität nahm sich das New Queer Cinema heraus. Seine Figuren durften Mörder sein, Außenseiter, Getriebene. Wer sich für die zensierten und versteckten Anfänge interessiert, findet im Beitrag über den Hays Code und die Hollywood-Zensur den nötigen historischen Kontrast. Wie das Kino die Seuche selbst verarbeitete, beleuchtet der Text über AIDS im Film.
Was technisch und finanziell möglich wurde
- Günstigere Produktion: 16-mm-Film und früh auch Video senkten die Einstiegshürden, sodass Erstlingswerke ohne Studio realisierbar wurden.
- Festivals als Bühne: Sundance und das Toronto International Film Festival boten Plattformen, die unabhängige Stimmen erst sichtbar machten.
- Eigene Spielstätten: Queere Filmfestivals wuchsen in dieser Zeit zu einem internationalen Netzwerk heran, das Verleih und Publikum überhaupt erst zusammenbrachte.
Über dieses Netzwerk lohnt sich der eigene Blick: Welche Veranstaltungen heute zählen, zeigt die Übersicht zu queeren Filmfestivals weltweit, und für die Berlinale ist der Teddy Award die zentrale Adresse.
Das Erbe: vom Underground in den Mainstream
Die ursprüngliche Welle ebbte Mitte der 1990er ab, doch ihr Einfluss blieb. Regisseur*innen wie Todd Haynes oder Gus Van Sant arbeiteten sich mit wachsenden Budgets in den Arthouse- und teils in den Hollywood-Betrieb vor. Spätere Erfolge bis hin zu oscarprämierten Filmen wären ohne diese Vorarbeit schwer denkbar.
Was bleibt, ist weniger ein fester Stil als eine Erlaubnis: queere Geschichten dürfen unbequem sein. Wer von hier aus weiterschauen will, findet in der Sammlung queerer Filme, die Filmgeschichte schrieben, viele direkte Nachfahren, und einen kuratierten Einstieg bietet die Übersicht queerer Filme.