Jahrzehntelang tauchten schwule und lesbische Figuren im Hollywoodfilm nur verschlüsselt auf – als Witzfigur, als Bedrohung, selten als Mensch. Vito Russo hat diese Geschichte als Erster systematisch aufgeschrieben. Sein Buch „The Celluloid Closet" ist bis heute die Grundlage, auf der jede Debatte über queere Filmrepräsentation aufbaut.
Bevor es Studien, Datenbanken oder GLAAD-Reports zur queeren Repräsentation im Film gab, gab es einen Mann mit einem Klappprojektor und einer Sammlung von Filmausschnitten. Vito Russo tourte in den frühen 1970er-Jahren mit einem Diavortrag durch amerikanische Universitäten und Gemeindezentren, oft als Benefizveranstaltung für die gerade gegründete Gay Activists Alliance. Er zeigte Szene für Szene, wie Hollywood schwule und lesbische Figuren über Jahrzehnte hinweg dargestellt hatte – und wie selten sie dabei überlebten, glücklich waren oder überhaupt beim Namen genannt wurden. Aus diesem Vortrag wurde 1981 ein Buch: „The Celluloid Closet: Homosexuality in the Movies", erschienen bei Harper & Row.
Vom Aktivisten zum Filmhistoriker
Geboren 1946 in East Harlem, war Russo kein distanzierter Wissenschaftler, der sich zufällig für ein Nischenthema interessierte. Nach den Stonewall-Unruhen 1969, die er selbst miterlebte, engagierte er sich in der Gay Activists Alliance, einer der ersten kämpferischen Bürgerrechtsorganisationen für Schwule und Lesben in den USA. Sein Filmstudium an der New York University gab ihm das Handwerkszeug, seine politische Erfahrung die Fragestellung: Wie erzählt eine Industrie, die queere Menschen fast nie selbst zu Wort kommen lässt, über sie?
Die Antwort, die Russo in hunderten gesichteten Filmen fand, folgte über weite Strecken denselben Mustern. In den Jahrzehnten strenger Filmzensur durch den sogenannten Hays Code, der von 1934 bis in die frühen 1960er-Jahre explizite Darstellung von „sexueller Perversion" verbot, blieben queere Figuren auf Andeutungen beschränkt: der tuntige Nebendarsteller zum Lachen, die unterkühlte alte Jungfer, der Killer mit unausgesprochenen Neigungen. Erst mit der Lockerung des Codes 1961 durften homosexuelle Themen offener vorkommen – meist jedoch als Tragödie, die mit Selbstmord, Mord oder Einsamkeit endete. Russo zählte für sein Buch die Todesfälle queerer Filmfiguren und machte damit ein Muster sichtbar, das Kritiker heute unter dem Stichwort „Bury Your Gays" diskutieren.
Ein Nachschlagewerk, das zur Blaupause wurde
„The Celluloid Closet" ist kein Manifest, sondern in weiten Teilen eine akribische Chronik: Film für Film, Jahrzehnt für Jahrzehnt, von den Stummfilmkomödien der 1910er-Jahre bis zu den Hollywoodproduktionen der frühen 1980er. Gerade diese Gründlichkeit machte das Buch zum Standardwerk. Die New York Times bezeichnete es als unverzichtbares Nachschlagewerk zur Darstellung von Homosexualität im US-Kino. 1987 legte Russo eine überarbeitete Ausgabe vor, um rund achtzig Seiten erweitert, die auch auf die ersten Filme reagierte, die AIDS thematisierten.
1985 wurde Russo selbst HIV-positiv diagnostiziert. Er engagierte sich in der Aids-Aktivistengruppe ACT UP und wirkte am Dokumentarfilm „Common Threads: Stories from the Quilt" mit, der 1989 einen Oscar gewann. Im selben Jahrzehnt war er Mitgründer der GLAAD (Gay and Lesbian Alliance Against Defamation), die bis heute Medien auf ihre LGBTQ+-Darstellung hin beobachtet – eine direkte Fortsetzung dessen, was er mit seinem Diaprojektor begonnen hatte. 1990 starb Vito Russo in New York an den Folgen von AIDS, im Alter von 44 Jahren.
Vom Buch zum Film
Fünf Jahre nach Russos Tod adaptierten die Regisseure Rob Epstein und Jeffrey Friedman das Buch als Dokumentarfilm. „The Celluloid Closet" (1995 fertiggestellt, ab Anfang 1996 in den Kinos) kombiniert Interviews mit Schauspielerinnen und Filmschaffenden wie Tom Hanks, Susan Sarandon oder Whoopi Goldberg mit über hundert Filmausschnitten – vom „Malteser Falken" über „Ben Hur" bis zu „Philadelphia". Lily Tomlin sprach die von Armistead Maupin verfasste Erzählerstimme. Der Film gewann einen Peabody Award und einen Emmy für die Regie und machte Russos Thesen einem Millionenpublikum zugänglich, das das Buch nie gelesen hatte.
Warum das Buch immer noch zitiert wird
Wer heute über Queer Coding im klassischen Hollywoodkino schreibt, über verschlüsselte Bösewichte bei Alfred Hitchcock oder über die Frage, warum lesbische Paare im Film so oft tragisch enden, kommt an Russos Kategorien kaum vorbei. Sein Verdienst war nicht, jede einzelne Beobachtung neu zu erfinden, sondern sie zum ersten Mal systematisch zusammenzutragen und in eine erkennbare Erzählung zu bringen: von der Unsichtbarkeit über die Verhöhnung bis zu den ersten vorsichtigen, ernsthaften Porträts. GLAAD vergibt seit 2011 den „Vito Russo Test" als Analyseraster für queere Filmfiguren, benannt nach ihm, und der jährliche Vito Russo Award der Organisation ehrt Personen aus der Filmbranche, die sich für faire LGBTQ+-Repräsentation einsetzen.
Für alle, die sich für die Geschichte queerer Filmfiguren interessieren, bleibt „The Celluloid Closet" der naheliegende Ausgangspunkt – als Buch für die Details, als Dokumentarfilm für den schnellen Überblick.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 30. August 2026