William Haines war Ende der Zwanzigerjahre der meistgebuchte Schauspieler der USA – bis MGM ihm 1933 die Wahl ließ zwischen einer Scheinehe und seinem Partner Jimmie Shields. Haines entschied sich für die Liebe, verlor seinen Vertrag und wurde stattdessen einer der gefragtesten Innenarchitekten Hollywoods.
Es gibt Karrieren, die an einem einzigen Satz zerbrechen. Zu Louis B. Mayer, dem mächtigsten Studiochef Hollywoods, soll William Haines ihn gesagt haben: „Ich bin schon verheiratet. Ich gebe ihn gern auf, sobald Sie Ihre Frau aufgeben." Die Antwort kostete Haines seinen MGM-Vertrag und den Status als einer der größten Filmstars der USA. Sie machte ihn zugleich zu einer der seltenen Figuren der frühen Traumfabrik, die sich weigerten, ihr Privatleben zu verstecken.
Vom Talentwettbewerb zum Topstar
Charles William Haines, geboren 1900 in Virginia, kam über einen Talentwettbewerb 1922 zu Goldwyn Pictures. Den Durchbruch brachte 1926 „Tell It to the Marines" an der Seite von Lon Chaney: Haines spielte den frechen, selbstsicheren Rekruten, der sich am Ende bewähren muss – eine Rolle, die zu seinem Markenzeichen wurde. Auch Filme wie „Brown of Harvard" oder „Show People" mit Marion Davies bauten dieses Image weiter aus: der gut aussehende Wisecracker, der zunächst überheblich wirkt und im letzten Akt Charakter zeigt. Das Publikum liebte es. 1928 zählte Haines zu den fünf größten Kassenmagneten Hollywoods, und der Quigley-Poll kürte ihn 1930 zum meistgebuchten Star des Landes überhaupt. Anders als viele Kollegen aus der Stummfilmzeit schaffte er den Sprung in den Tonfilm mühelos.
Seit 1926 lebte Haines privat mit James „Jimmie" Shields zusammen, den er in New York kennengelernt und nach Los Angeles geholt hatte. In einer Branche, die Homosexualität offiziell nicht duldete, war ihre Beziehung unter Kolleg:innen ein offenes Geheimnis. Joan Crawford, mit der Haines seit ihren gemeinsamen Anfängen befreundet war und in fünf Filmen vor der Kamera stand, nannte die beiden später „das glücklichste Ehepaar Hollywoods".
Der Rauswurf, der zum Statement wurde
1933 wurde Haines bei einem YMCA in Los Angeles zusammen mit einem Matrosen festgenommen, mit dem er sich eingelassen hatte. Der Vorfall drohte, aus einem offenen Geheimnis einen öffentlichen Skandal zu machen. Mayer stellte ihn vor die Wahl: eine arrangierte Scheinehe eingehen, seine Beziehung zu Shields beenden – oder gehen. Haines wählte Shields. MGM löste seinen Vertrag auf, seine letzten Filme entstanden 1934 bei der kleinen Mascot Pictures, danach war die Schauspielkarriere faktisch vorbei.
Für viele wäre das das Ende der Geschichte gewesen. Für Haines war es der Anfang eines zweiten, ebenso erfolgreichen Lebens.
Die zweite Karriere: Möbel statt Kameras
Gemeinsam mit Shields baute Haines ein Innenarchitektur- und Antiquitätengeschäft auf. Den entscheidenden Schub gab ausgerechnet Joan Crawford, die ihn beauftragte, ihr Haus in Brentwood komplett neu zu gestalten – inklusive des später berühmten, ganz in Weiß gehaltenen Wohnzimmers. Wer wie Crawford leben wollte, engagierte bald ebenfalls Haines. Zu seinen Kund:innen zählten mit der Zeit Carole Lombard, Marion Davies, Gloria Swanson, George Cukor, Jack Warner und Tallulah Bankhead, später auch Walter und Leonore Annenberg für ihren Wüstensitz Sunnylands sowie – in den Sechziger- und frühen Siebzigerjahren – Ronald und Nancy Reagan. Sein Stil, eine Mischung aus englischen Antiquitäten, Chinoiserie, kräftigen Farben, niedrigen Sitzmöbeln und vergoldeten Details, gilt heute als eine der prägenden Grundlagen dessen, was als „Hollywood Regency" bekannt wurde. Nach einer Unterbrechung durch seinen Kriegsdienst im Zweiten Weltkrieg lief das Geschäft bis in die frühen Siebzigerjahre erfolgreich weiter.
Fast fünfzig Jahre
Was durch alle Wendungen bestehen blieb, war die Beziehung zu Jimmie Shields. 47 Jahre lang, von ihrem Kennenlernen 1926 bis zu Haines' Tod, blieben sie zusammen – eine Beständigkeit, die in Hollywood zu jeder Zeit selten war, in einer Ära ohne rechtliche Anerkennung gleichgeschlechtlicher Paare aber umso bemerkenswerter ist. Im Sommer 1973 wurde bei Haines Lungenkrebs diagnostiziert, am 26. Dezember desselben Jahres starb er im St. John's Hospital in Santa Monica, Shields an seiner Seite.
Shields überlebte ihn nur um wenige Monate. Am 6. März 1974 nahm er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. In seinem Abschiedsbrief schrieb er, er finde es unmöglich, allein weiterzumachen, er sei zu einsam. Die beiden Männer wurden nebeneinander auf dem Woodlawn Memorial Cemetery in Santa Monica beigesetzt.
Warum diese Geschichte bleibt
Oft wird William Haines als „Hollywoods erster offen schwuler Star" bezeichnet – eine Zuschreibung, die stimmt, solange man „offen" im Rahmen seiner Zeit versteht: Öffentlich geoutet hat er sich nie, jedenfalls nicht im heutigen Sinn, aber versteckt hat er sich auch nicht, keine Scheinehe akzeptiert und keine Lüge über sein Leben mit Shields erzählt, selbst als ihn das seine Karriere kostete. Genau darin liegt der Unterschied zu vielen seiner Zeitgenossen, die genau das taten, um im Geschäft zu bleiben. Dass er danach beruflich noch einmal groß wurde, und zwar auf eigenen Bedingungen, macht seine Geschichte zu mehr als einer Fußnote der Filmgeschichte.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 11. August 2026