Von Anders als die Andern über Philadelphia bis Moonlight: Diese Filme schrieben queere Filmgeschichte und veränderten, was auf der Leinwand erzählbar war.
Lange bevor von Sichtbarkeit die Rede war, gab es queere Geschichten auf der Leinwand – versteckt, codiert, verboten und manchmal mutig offen. Einige wenige Filme haben dabei nicht nur ihr Publikum bewegt, sondern die Spielregeln des Kinos selbst verändert. Sie haben Themen erstmals benannt, Tabus gebrochen oder das queere Erzählen für ein Massenpublikum geöffnet. Dieser Streifzug durch die Filmgeschichte zeigt, welche Werke dafür stehen.
Der allererste Schritt: Anders als die Andern (1919)
Der vermutlich wichtigste Anfangspunkt liegt im Berlin der Weimarer Republik. Anders als die Andern von Regisseur Richard Oswald gilt als erster Film, der Homosexualität offen und nicht als Witz oder Andeutung behandelte. Mitgeschrieben hat ihn der Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der das Projekt über sein Institut für Sexualwissenschaft mitfinanzierte und selbst in einer kleinen Rolle auftrat. Erzählt wird die Geschichte eines Violinisten, gespielt vom Stummfilmstar Conrad Veidt, der von einem Erpresser ins Verderben getrieben wird.
Der Film war als direkte Anklage gegen den Paragrafen 175 gedacht, der gleichgeschlechtliche Liebe unter Strafe stellte. Genau das wurde ihm zum Verhängnis: 1920 verboten, später von den Nationalsozialisten weitgehend vernichtet. Erhalten sind nur Fragmente, die in einen späteren Aufklärungsfilm eingearbeitet wurden. Wie sehr Zensur das queere Kino über Jahrzehnte geprägt hat, lässt sich am Beispiel des amerikanischen Hays Code nachvollziehen, mit dem Hollywood Queerness systematisch versteckte.
Versteckt im Klartext: Codierung statt Sichtbarkeit
Wo offene Darstellung verboten war, lernten Filmschaffende, zwischen den Zeilen zu erzählen. Bestimmte Gesten, Blicke, Figuren und Schurkenrollen trugen Bedeutungen, die ein eingeweihtes Publikum entschlüsseln konnte. Diese Praxis hat eine eigene Bildsprache hervorgebracht und ist bis heute Gegenstand intensiver Deutung. Wer dem nachgehen will, findet ein ganzes Kapitel dazu beim Queer Coding im klassischen Hollywood.
Diese Vergangenheit erklärt auch, warum spätere Durchbrüche so viel Gewicht hatten. Jeder Film, der eine queere Figur ungeschminkt zeigte, war ein Bruch mit Jahrzehnten der Verschleierung.
Philadelphia und die AIDS-Krise im Mainstream
1993 erreichte das Thema die große Hollywood-Bühne. Philadelphia von Jonathan Demme war der erste teuer produzierte Studiofilm mit Starbesetzung, der die AIDS-Krise und die Diskriminierung schwuler Männer offen verhandelte. Tom Hanks spielt einen Anwalt, der gekündigt wird, nachdem seine Kanzlei von seiner Erkrankung erfährt, und dafür vor Gericht zieht. Hanks gewann den Oscar als bester Hauptdarsteller, Bruce Springsteens „Streets of Philadelphia“ den für den besten Song.
Der Film spielte weltweit über 200 Millionen Dollar ein und veränderte spürbar, wie in der Öffentlichkeit über HIV gesprochen wurde. Kritik gab es trotzdem: Manchen war die Darstellung zu vorsichtig, zu sehr auf ein heterosexuelles Publikum zugeschnitten. Wie das Kino die Epidemie insgesamt erzählt hat, von der Wut der Aktivist*innen bis zur stillen Trauer, zeigt der Überblick zu AIDS im Film und wie das Kino die Krise erzählte.
New Queer Cinema: Eine Generation übernimmt das Erzählen
Parallel zum Mainstream formierte sich Anfang der 1990er eine Bewegung, die ganz anders auftrat. Die Kritikerin B. Ruby Rich prägte 1992 den Begriff New Queer Cinema für eine Welle unabhängiger Filme, die auf Festivals für Aufsehen sorgten. Werke wie „Paris Is Burning“, „Poison“ oder „Swoon“ verband ein gemeinsamer Trotz: Sie wollten keine braven Vorzeigefiguren liefern, sondern erzählten widersprüchlich, formal radikal und politisch.
Diese Filme entstanden oft mit kleinem Budget und großem Eigensinn. Ihr Einfluss reicht weit über die eigene Zeit hinaus. Welche Regiehandschriften daraus hervorgingen und was die Bewegung bis heute prägt, vertieft der Beitrag zum New Queer Cinema und seiner Wirkung auf das queere Kino.
Brokeback Mountain und Moonlight: Vom Skandal zur Anerkennung
2005 brachte Brokeback Mountain eine schwule Liebesgeschichte in die Multiplex-Kinos und in die Oscar-Konkurrenz. Ang Lees Film über zwei Cowboys erhielt acht Nominierungen und gewann drei Oscars, darunter für die Regie. Den Preis für den besten Film verfehlte er jedoch – ein Ausgang, der bis heute als Sinnbild für Hollywoods Zögern gilt.
Was Brokeback Mountain verwehrt blieb, schaffte Moonlight rund ein Jahrzehnt später. Barry Jenkins’ Coming-of-Age-Drama über einen jungen Schwarzen Mann in Miami gewann 2017 als erster Film mit queerer Hauptgeschichte den Oscar für den besten Film – und zugleich als erster mit komplett Schwarzer Hauptbesetzung. Diese beiden Titel markieren den Weg vom mutigen Außenseiter zur höchsten Auszeichnung der Branche, nachzulesen auch im Überblick zu LGBTQ+ Filmen bei den Oscars.
Wo die Filmgeschichte heute weitergeht
Die Geschichte ist nicht abgeschlossen. Festivals fördern neue Stimmen, Streaming macht alte und neue Werke leichter zugänglich, und Debatten über Repräsentation halten das Thema lebendig. Wer von den historischen Meilensteinen zu konkreten Empfehlungen springen möchte, findet eine kuratierte Auswahl bei den queeren Filmklassikern, die jeder kennen sollte. Und einen kompakten Bogen von den Anfängen bis in die Gegenwart spannt der Beitrag zu den Meilensteinen des schwulen Kinos.
Häufige Fragen
Welcher Film gilt als erster offen queerer Film der Geschichte?
Als erster Film, der Homosexualität offen und nicht als Witz oder bloße Andeutung zeigte, gilt Anders als die Andern von Richard Oswald aus dem Jahr 1919. Mitgeschrieben hat ihn der Sexualforscher Magnus Hirschfeld. Der Film war als Anklage gegen den Paragrafen 175 gedacht und wurde 1920 verboten.
Warum war Philadelphia ein Wendepunkt im queeren Kino?
Philadelphia von 1993 war der erste teuer produzierte Hollywood-Film mit Starbesetzung, der die AIDS-Krise und die Diskriminierung schwuler Männer offen behandelte. Tom Hanks gewann dafür den Oscar als bester Hauptdarsteller. Der Film veränderte spürbar, wie in der Öffentlichkeit über HIV gesprochen wurde.
Was bedeutet New Queer Cinema?
New Queer Cinema ist ein Begriff, den die Kritikerin B. Ruby Rich 1992 prägte. Er beschreibt eine Welle unabhängiger, formal radikaler Filme der frühen 1990er Jahre, die queere Figuren bewusst widersprüchlich statt als brave Vorzeigebeispiele zeigten. Zu den bekannten Werken zählen Paris Is Burning, Poison und Swoon.
Welcher queere Film gewann als erster den Oscar für den besten Film?
Moonlight von Barry Jenkins gewann 2017 als erster Film mit queerer Hauptgeschichte den Oscar für den besten Film. Er war zugleich der erste Gewinner in dieser Kategorie mit komplett Schwarzer Hauptbesetzung. Brokeback Mountain war rund ein Jahrzehnt zuvor in dieser Kategorie noch leer ausgegangen.
Warum waren viele frühe queere Filme nur codiert erkennbar?
Über Jahrzehnte verboten Zensurregeln wie der Hays Code in Hollywood die offene Darstellung von Homosexualität. Filmschaffende erzählten queere Figuren deshalb über Andeutungen, Blicke und bestimmte Rollenmuster, die ein eingeweihtes Publikum entschlüsseln konnte. Diese Praxis wird heute als Queer Coding bezeichnet.
Warum gilt Brokeback Mountain trotz seiner Oscar-Niederlage als Meilenstein?
Brokeback Mountain brachte 2005 eine schwule Liebesgeschichte in die großen Kinos und in die Oscar-Konkurrenz. Der Film erhielt acht Nominierungen und gewann drei Oscars, darunter für die Regie. Dass er den Preis für den besten Film verfehlte, gilt bis heute als Sinnbild für das lange Zögern Hollywoods.