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Unter dem Hays Code durfte Hollywood Queerness nicht zeigen, nur andeuten. Wie eitle Schurken und elegante Bösewichte queer codiert wurden und was davon bis Disney überlebte.
Eine geschminkte Augenbraue, ein Handgelenk, das schlaff herabhängt, ein zu sorgfältig parfümierter Bösewicht: Wer alte Hollywood-Filme aufmerksam ansieht, stößt überall auf Figuren, die nie offen als schwul oder lesbisch benannt wurden und trotzdem unverkennbar queer gelesen werden konnten. Genau dieses Verfahren, Queerness in Mimik, Kostüm und Gestik einzuweben, ohne sie auszusprechen, nennt man Queer Coding. Es war keine künstlerische Spielerei, sondern eine direkte Folge der Zensur.
Warum Hollywood Queerness verstecken musste
1934 trat der sogenannte Hays Code in Kraft, ein Katalog von Selbstzensur-Regeln, mit dem die Studios staatlicher Aufsicht zuvorkommen wollten. Bis 1968 untersagte er die offene Darstellung von Homosexualität, die im Regelwerk unter dem Begriff der "sexuellen Perversion" geführt wurde. Damit verschwanden queere Figuren nicht etwa aus den Drehbüchern. Sie wurden uncodiert.
Drehbuchautoren und Regisseure standen vor einem Dilemma. Eine Figur durfte nicht ausdrücklich queer sein, ihre Andersartigkeit ließ sich aber über Hunderte kleiner Signale transportieren, die ein Publikum mit dem entsprechenden Blick mühelos entschlüsselte. Der Zensor sah eine exzentrische Nebenrolle. Queere Zuschauer sahen sich selbst.
Der "Sissy" und der elegante Schurke
Für männliche Figuren dominierte über Jahre der Typ des "Sissy" oder "Pansy": tänzelnd, eitel, mit hoher Stimme und einer Vorliebe fürs Dekorative. Bert Lahr legte den feigen Löwen im Zauberer von Oz (1939) bewusst nach diesem Bühnen-Klischee an. Solche Rollen durften komisch sein, solange sie harmlos blieben.
Sobald eine queer codierte Figur ernster wurde, rückte sie fast zwangsläufig auf die Seite des Bösen. Peter Lorre spielt in Die Spur des Falken (1941) den Joel Cairo als affektierten Gigolo mit Spazierstock, parfümierten Visitenkarten und einem Auftreten, das jeder Zuschauer der Zeit zu deuten wusste. Das ursprünglich vorgesehene Lavendel-Parfüm strich das Hays-Büro, der Rest blieb. Eleganz, Kultiviertheit und ein Hauch von Bedrohung verschmolzen zu einem festen Muster.
Hitchcock und die queere Bedrohung
Wenige Regisseure haben das Verfahren so virtuos genutzt wie Alfred Hitchcock. In Rebecca (1940) verwandelte er die Haushälterin Mrs. Danvers, bei Romanautorin Daphne du Maurier noch eher mütterlich, in eine Figur, deren Besessenheit von ihrer verstorbenen Herrin als unterdrücktes lesbisches Begehren lesbar ist. Judith Anderson spielt diese Sehnsucht in jeder Großaufnahme mit, ohne dass ein einziger Satz sie benennt.
Noch deutlicher wird es in Cocktail für eine Leiche (1948). Zwei junge Männer begehen einen Mord aus reinem intellektuellem Hochmut und verstecken die Leiche in der eigenen Wohnung, während sie Gäste empfangen. Drehbuchautor Arthur Laurents, selbst schwul, behielt bewusst viele zweideutige Zeilen aus der britischen Vorlage bei, damit die offensichtlicheren der Zensur ins Auge sprangen und die subtileren passieren konnten. Hauptdarsteller Farley Granger sagte später schlicht, alle Beteiligten hätten gewusst, dass ihre Figuren schwul waren, nur ausgesprochen habe es niemand.
Vom Zwang zur Wiederaneignung
Das Erbe dieser Ästhetik reicht weit über die schwarz-weiße Zensurzeit hinaus. Disney griff den eleganten, theatralischen Schurken über Jahrzehnte auf. Scar im König der Löwen, der gelangweilt-spöttische Hades in Hercules, der eitle Jafar in Aladdin: Sie alle tragen die Handschrift jener alten Hollywood-Schurken, die zu fein, zu kultiviert, zu sehr aus dem Rahmen fallend waren, um zu den Helden zu gehören. Ursula aus Arielle wiederum wurde offen von der Dragqueen Divine inspiriert.
Daran zeigt sich der wunde Punkt des Verfahrens. Weil queere Codes fast immer den Bösen, den Verschrobenen oder den lächerlichen Außenseiter markierten, lernte ein junges Publikum nebenbei, dass Anderssein zur Bedrohung gehört. Helden waren glatt, normgerecht und eindeutig.
Beschrieben und systematisch sichtbar gemacht hat dieses Muster der Aktivist Vito Russo. Sein Buch The Celluloid Closet (1981) und der gleichnamige Dokumentarfilm von 1995 lasen die Filmgeschichte gegen den Strich und legten offen, wie viel queeres Leben in den Lücken der Zensur steckte. Heute deutet ein queeres Publikum diese Figuren oft selbstbewusst um: Aus dem stilvollen Bösewicht wird eine Ikone, aus der versteckten Andeutung ein Stück wiedergefundene Geschichte. Wer genauer wissen will, wie aus dem Versteckspiel der Zensur später ein eigenes Kino wurde, findet in den Meilensteinen des schwulen Kinos den roten Faden.
Der Mechanismus dahinter, das Verschleiern und Andeuten unter dem Druck der Regeln, lässt sich nur verstehen, wenn man die Funktionsweise von Hays Code und Zensur kennt. Das problematische Erbe der bösen oder sterbenden Queers lebt in zwei Erzählmustern weiter, die das Kino bis heute prägen: dem Bury-Your-Gays-Motiv und dem modernen Queerbaiting. Und wer sehen will, welche dieser alten Werke man heute noch entdecken sollte, wirft am besten einen Blick auf die queeren Filmklassiker oder stöbert im Bereich Queere Filme.