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Von Anders als die Andern (1919) bis zum Oscar für Moonlight: Die wichtigsten Stationen des schwulen Kinos zwischen Zensur, Aufbruch und Mainstream.
Über hundert Jahre liegen zwischen dem ersten Film, der offen von der Liebe zwischen Männern erzählte, und dem Abend, an dem ein schwuler Coming-of-Age-Film den wichtigsten Oscar gewann. Dazwischen liegen Zensur, Verschlüsselung, Aufbruch und ein langsames Ankommen im Mainstream. Wer die Meilensteine des schwulen Kinos kennt, versteht nicht nur Filmgeschichte, sondern auch ein Stück queere Emanzipationsgeschichte.
Der Anfang: Berlin, 1919
Anders als die Andern von Richard Oswald gilt als der erste Film der Welt, der Homosexualität offen und mitfühlend behandelte. Mitgeschrieben und mitfinanziert wurde er vom Sexualforscher Magnus Hirschfeld, der sogar selbst eine kleine Rolle übernahm. Conrad Veidt spielt einen Violinisten, der erpresst wird, weil er einen Mann liebt – ein Plädoyer gegen den damaligen Paragrafen 175, der gleichgeschlechtliche Handlungen unter Strafe stellte.
Die Zensur reagierte hart. Schon kurz nach dem erfolgreichen Start wurde der Film vielerorts verboten, später von den Nationalsozialisten verfolgt. Erhalten ist heute nur ein Fragment. Dass wir überhaupt noch davon sprechen können, grenzt an ein Wunder der Filmüberlieferung.
Hollywood schaltet ab: Die Ära der Verschlüsselung
Mit dem Hays Code, der ab 1934 streng durchgesetzt wurde, verschwanden offen queere Figuren fast vollständig von der Leinwand. Homosexualität galt als "sexuelle Perversion" und durfte nicht gezeigt werden. Doch sie verschwand nicht wirklich – sie wanderte in den Subtext.
Regisseure und Drehbuchautoren entwickelten ein ganzes Vokabular aus Andeutungen, Gesten und Codes. Diese Praxis, das sogenannte Queer Coding im klassischen Hollywood, machte schurkische oder "andersartige" Figuren für eingeweihte Zuschauer lesbar, ohne die Zensoren zu provozieren. Wie tief diese Eingriffe reichten, zeigt der Blick auf den Hays Code und seine systematische Zensur, die das amerikanische Kino über drei Jahrzehnte prägte.
New Queer Cinema: Der Bruch der frühen Neunziger
1992 prägte die Kritikerin B. Ruby Rich in einem Artikel im Village Voice einen Begriff, der eine ganze Generation beschrieb: New Queer Cinema. Junge Regisseure wie Todd Haynes, Gus Van Sant und Isaac Julien brachten raue, formal experimentelle Filme auf die Festivals – politisch aufgeladen, oft erschwinglich produziert mit den ersten leichten Videokameras.
Befeuert wurde diese Welle vom Zorn über die AIDS-Krise und die politische Untätigkeit. Die Filme wollten nicht gefallen. Sie konfrontierten. Wer nachvollziehen will, warum diese Bewegung bis heute nachwirkt, findet im Überblick zum New Queer Cinema die wichtigsten Werke und Namen.
AIDS auf der Leinwand und der Schritt in den Mainstream
1993 erreichte ein großes Studio, was lange undenkbar schien: Philadelphia erzählte von einem Anwalt, der wegen seiner AIDS-Erkrankung gefeuert wird. Tom Hanks gewann dafür den Oscar als bester Hauptdarsteller. Ein Hollywood-Star, ein Studiofilm, ein schwuler Protagonist – diese Kombination markierte einen Wendepunkt für die breite Wahrnehmung.
Das Kino fand danach immer wieder eigene Wege, die Epidemie zu erzählen, von der dokumentarischen Wut bis zur stillen Trauer. Diese Linie zeichnet der Beitrag AIDS im Film nach. Parallel etablierte sich ein Subgenre, das die Romantik in den Vordergrund stellte und das Publikum mit nahbaren Liebesgeschichten erreichte – ein Strang, den schwule Liebesfilme bis heute fortschreiben.
Brokeback Mountain: Wenn Cowboys lieben
Brokeback Mountain von Ang Lee veränderte 2005 die Spielregeln. Zwei Hirten, gespielt von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal, verbindet über Jahrzehnte eine heimliche Liebe, während sie nach außen das Leben heterosexueller Ehemänner führen. Der Film traf einen Nerv, spielte weltweit Millionen ein und wurde mit drei Oscars ausgezeichnet, darunter für Regie.
Den Hauptpreis verfehlte er knapp – ein Verlust, der für viele bis heute schmerzt. Trotzdem gilt der Film als Schwelle: Eine ernste schwule Liebesgeschichte mit großen Stars war plötzlich ein Ereignis, über das die ganze Welt sprach.
Moonlight und das offene Kapitel
Bei den Academy Awards Anfang 2017 fiel eine historische Entscheidung. Moonlight von Barry Jenkins gewann als erster Film mit schwulem Hauptcharakter und vollständig schwarzer Besetzung den Oscar als bester Film. Nach den Enttäuschungen früherer Jahre, als Brokeback Mountain, Milk und Carol leer ausgingen, war das ein Durchbruch mit Symbolkraft.
Seither erzählen Filme queere Lebenswege selbstverständlicher, vielstimmiger, nicht mehr nur als Tragödie. Wer tiefer einsteigen will, findet bei den queeren Filmklassikern die Titel, die man gesehen haben sollte, und kann die gesamte Bandbreite im Bereich Queere Filme entdecken. Die Geschichte ist längst nicht zu Ende erzählt – sie wird mit jedem Festivaljahrgang weitergeschrieben.