Bösewichte durften tuntig sein, offen schwul war niemand: Animation war lange ein sicherer Ort für alles außer Queerness. Von ParaNorman 2012 bis Nimona 2023 zeigt der Überblick, wie Trickfilm und Stop-Motion aus dem Subtext eine Selbstverständlichkeit machten.
Lange war Animation ein sicherer Ort für alles außer Queerness. Bösewichte durften tuntig sein, Heldinnen durften keine Männer brauchen, und wer genau hinsah, erkannte zwischen den Bildern eine Andeutung. Offen schwul, lesbisch oder trans war in einem Zeichentrickfilm fürs Kino praktisch niemand. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat sich das schneller geändert als in den fünfzig davor. Ein Überblick über die Meilensteine, ohne die der heutige Stand nicht zu erklären ist.
Der stille Bruch von 2012
Als „ParaNorman“ im August 2012 in die Kinos kam, geschah das Entscheidende in einem Nebensatz. Der Muskelprotz Mitch, bis dahin die Karikatur eines Footballspielers, erzählt am Ende beiläufig von seinem Freund. Kein Drama, keine Erklärung, keine Pointe auf seine Kosten. In einem amerikanischen Animationsfilm für ein breites Publikum war sie die erste offen schwule Figur, und sie funktionierte, weil die Autoren sie nicht als Botschaft inszenierten. Regisseur Chris Butler, selbst schwul, sagte später, es sei darum gegangen, die Erwartungen des Publikums zu unterlaufen: Man sehe Mitch an und halte ihn für hetero, so wie man einen Zombie für gefräßig halte. „ParaNorman“ wurde als erster Animationsfilm überhaupt für einen GLAAD Media Award nominiert. In Grenzen hielt sich die Aufregung: ein paar konservative Blogs empörten sich, der Rest zuckte mit den Schultern. Genau das war der Punkt.
Fernsehen war schneller
Im Fernsehen ging es früher los und weiter. Die Serie „The Legend of Korra“ beendete 2014 ihre letzte Staffel damit, dass Korra und Asami als Paar in den Sonnenuntergang blicken, ein Schritt, der damals als kaum überwindbare Grenze galt. 2018 heirateten in „Steven Universe“ die Figuren Rubin und Saphir in der Folge „Reunited“; die Serie um die von Rebecca Sugar erfundenen Gems gilt vielen als erste Kinderproduktion mit einer gleichgeschlechtlichen Hochzeit. Im selben Jahr küssten sich im Finale von „Adventure Time“ Marceline und Prinzessin Bubblegum. „She-Ra und die Prinzessinnen der Macht“ erzählte von 2018 bis 2020 eine Liebesgeschichte zwischen Adora und Catra, die vom ersten Moment an angelegt war. In „The Owl House“ von Dana Terrace, ab 2020 bei Disney, ist die Hauptfigur Luz bisexuell, und die Serie zeigte den ersten gleichgeschlechtlichen Kuss in einer Disney-Zeichentrickserie.
Kino zog nach
Pixar setzte 2020 in „Onward“ mit Officer Specter die erste offen queere Figur des Studios, gesprochen von Lena Waithe. 2022 sorgte „Lightyear“ für Schlagzeilen, weil ein kurzer Kuss zwischen zwei Frauen in mehreren Ländern gestrichen werden sollte und nach Protest der Beteiligten wieder in den Film kam. Im selben Jahr zeigte „Strange World“ mit Ethan Clade den ersten offen schwulen Teenager als Hauptfigur eines Disney-Animationsfilms. „Wendell & Wild“ von Henry Selick besetzte die trans Figur Raúl mit dem trans Schauspieler Sam Zelaya. Mit „Nimona“ kam 2023 der vorläufige Höhepunkt: Der Gestaltwandler Nimona ist offen queer, der Film zeigt einen gleichgeschlechtlichen Kuss ohne Wenn und Aber und wurde für den Oscar nominiert.
Und Japan?
Auch das Anime-Fach bewegte sich. „Yuri!!! on Ice“ erzählte 2016 die Beziehung zweier männlicher Eiskunstläufer und zeigte sie so unmissverständlich, dass der Kuss in der letzten Folge zum Ereignis wurde. „Blue Eye Samurai“ (2023) und „Arcane“ (2021–2024) setzten queere Figuren und Beziehungen mitten in Genregeschichten, die niemand als Nische abtut.
Warum das mehr ist als Symbolpolitik
Repräsentation in Animationsfilmen hat eine andere Reichweite als in vielen Erwachsenengenres. Kinder sehen diese Filme oft mehrfach, ihre Figuren wandern auf T-Shirts und in den Wortschatz. Dass eine Figur wie Mitch beiläufig schwul ist, wirkt deshalb anders als eine Diskussionsrunde im Fernsehen. Der Animationsfilm „The Mitchells vs. the Machines“ machte 2021 die angehende Filmstudentin Katie Mitchell zur offen queeren Hauptfigur, die Serie „Kipo and the Age of Wonderbeasts“ zeigte im selben Jahr mit Benson einen schwulen Teenager, der seine Identität ohne Krise annimmt. Solche Figuren sind keine Botschaft, sie sind Alltag.
Was noch fehlt
So viel sich bewegt hat, die Lücken bleiben sichtbar. Trans Figuren kommen vor, aber selten als Hauptfiguren, und wenn, dann oft von cis Schauspielern gesprochen. Queere Figuren in Animationsfilmen sind überwiegend weiß und männlich, lesbische und nicht-binäre Hauptfiguren sind die Ausnahme. Viele der mutigsten Serien laufen bei Streamingdiensten, nicht im frei empfangbaren Fernsehen, und genau dort wird am stärksten gekürzt, wenn der Markt unter Druck gerät. Dass eine Handvoll Filme und Serien in fünfzehn Jahren aus dem Subtext eine Selbstverständlichkeit gemacht haben, ist trotzdem eine der stillsten Erfolgsgeschichten des queeren Kinos.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 14. September 2026