Vom Schockmoment zur ganzen Person: Wie das Kino trans Figuren erzählt, warum die Besetzungsfrage so umstritten ist und welche Filme den Wandel prägten.
Lange Zeit kamen trans Figuren im Kino fast nur als Schockmoment, Pointe oder Bedrohung vor. Erst seit wenigen Jahrzehnten erzählen Filme das Leben von trans Menschen mit echter Tiefe, und der Streit darüber, wer diese Rollen spielen darf, ist bis heute nicht ausgestanden. Wie sich die Darstellung verändert hat, woran sie immer noch krankt und welche Werke einen Wendepunkt markierten, lässt sich gut entlang der Filmgeschichte nachzeichnen.
Von der Pointe zur Person: ein historischer Überblick
Trans und gender-nonkonforme Figuren tauchen schon in der Stummfilmzeit auf, etwa im US-Film A Florida Enchantment von 1914. Über Jahrzehnte hinweg blieb das Bild allerdings verzerrt. In den 1950er- und 1960er-Jahren verknüpften Hollywood-Produktionen Geschlechtervarianz wiederholt mit Täuschung, Krankheit oder Gewalt. Alfred Hitchcocks Psycho (1960) und William Castles Homicidal (1961) stehen exemplarisch für ein Muster, in dem das Überschreiten von Geschlechtergrenzen als Hinweis auf eine gestörte Psyche inszeniert wurde.
Mit Dog Day Afternoon (1975) bekam erstmals eine Geschichte mit trans Bezug spürbar mehr Empathie und Anerkennung. Das blieb die Ausnahme. Der Großteil der Darstellungen funktionierte weiter über Spott oder Bedrohung, und genau dieses Erbe wirkt bis heute nach.
Wie viel Schaden steckt im alten Bild?
Wie tief das Problem reicht, hat die Netflix-Dokumentation Disclosure (2020) von Sam Feder ausgewertet. Der Film sichtet über ein Jahrhundert Hollywood-Geschichte, von der Stummfilmära bis zur Serie Pose, und kommt zu einem ernüchternden Befund: In der überwältigenden Mehrheit der untersuchten Filme und Serien erscheinen trans Menschen als Witzfigur, als Lügner oder als Opfer extremer Gewalt. Erzählt wird das fast immer aus einer cis Perspektive.
Diese Bilder bleiben nicht auf der Leinwand. Viele trans Zuschauer:innen sahen jahrzehntelang vor allem Versionen ihrer selbst, die für Mehrheitspublikum produziert wurden. Verwandte Erzählmuster ziehen sich quer durch die queere Filmgeschichte; das Klischee vom sterbenden queeren Charakter haben wir in unserem Beitrag zu dem problematischen Erzählmuster „Bury Your Gays“ genauer beschrieben.
Die Besetzungsfrage: Wer darf trans Rollen spielen?
Kaum ein Thema wird so hart diskutiert wie die Besetzung. Über Jahre gingen die prominenten trans Rollen an cis Schauspieler:innen, oft mit Preisregen. Hilary Swank gewann einen Oscar für Boys Don't Cry (1999), in dem sie den ermordeten trans Mann Brandon Teena spielte; Jared Leto wurde für seine Rolle in Dallas Buyers Club (2013) ausgezeichnet. Beide Filme stießen eine Debatte an, die bis heute läuft.
Ein viel zitiertes Beispiel lieferte Eddie Redmayne. Der Schauspieler nannte es im Rückblick einen Fehler, in The Danish Girl (2015) eine trans Figur verkörpert zu haben, und viele teilten die Ansicht, die Rolle hätte an eine trans Schauspielerin gehen müssen. Die Argumente dahinter lassen sich knapp zusammenfassen:
- Zugang: trans Schauspieler:innen erhalten ohnehin selten Angebote. Wenn cis Stars die trans Rollen übernehmen, fällt auch diese Chance weg.
- Glaubwürdigkeit: Gelebte Erfahrung fließt in Körpersprache, Timing und Details ein, die sich schwer nachstellen lassen.
- Botschaft: Ein cis Mann in einer trans Frauenrolle kann den Eindruck verstärken, trans Identität sei eine Verkleidung.
Der Wandel zu authentischer Besetzung
Seit Ende der 2000er kippt das Bild langsam. Candis Cayne, Laverne Cox und Jamie Clayton gelten als Wegbereiterinnen einer Ära, in der trans Rollen zunehmend mit trans Darsteller:innen besetzt werden. Sean Bakers Tangerine (2015), gedreht auf dem iPhone, erzählt von zwei trans Sexarbeiterinnen und überzeugte gerade deshalb, weil trans Schauspielerinnen die Hauptrollen übernahmen.
Einen weiteren Meilenstein setzte A Fantastic Woman (2017) mit der trans Schauspielerin Daniela Vega: Der chilenische Film gewann den Oscar als bester fremdsprachiger Film. Im Fernsehen verschob die Serie Pose den Maßstab gleich für ein ganzes Ensemble, und Hunter Schafers Figur Jules in Euphoria zeigte etwas Seltenes – eine trans Jugendliche, deren Geschichte nicht primär um den Kampf mit der eigenen Identität kreist.
Und das deutschsprachige Kino?
Hierzulande geht der Wandel zäher voran. trans Schauspieler:innen bekommen wenige Angebote, und wenn, dann oft Rollen, die vor oder während der Transition spielen, während Geschichten vom Leben danach selten erzählt werden. Ein eigenständiges Beispiel lieferte Tucké Royale, der das Drehbuch zum queeren Drama Neubau (2020) schrieb und die Hauptrolle selbst spielte. Solche Projekte zeigen, was möglich wird, wenn trans Menschen nicht nur vor, sondern auch hinter der Kamera mitbestimmen.
Worauf es jenseits der Besetzung ankommt
Authentische Besetzung allein macht noch keinen guten Film. Entscheidend ist, ob eine Figur als ganzer Mensch geschrieben wird oder bloß über ihre Transition definiert bleibt. Eine trans Figur darf verliebt, ehrgeizig, witzig oder nervig sein, ohne dass jede Szene ihre Geschlechtsidentität verhandelt.
Hilfreich ist außerdem, wer mitschreibt und Regie führt. Wenn trans Stimmen im Writers' Room und in der Regie fehlen, schleichen sich Klischees fast von selbst wieder ein. Diese Verschiebung hinter der Kamera prägt die queere Filmkultur insgesamt, wie der Blick auf wichtige queere Regisseurinnen und Regisseure und auf die Bewegung des New Queer Cinema zeigt. Wie unterschiedlich Sichtbarkeit innerhalb der queeren Community ausfällt, lässt sich auch beim lesbischen Kino beobachten.
Wer tiefer einsteigen will, findet im Überblick zu queeren Filmen konkrete Titel zum Weiterschauen. Und wer Repräsentation lieber live erlebt: Auf queeren Reisezielen und Hotspots laufen rund um die großen Filmfestivals oft eigene Programme zu trans und queerem Kino.
Häufige Fragen
Warum ist es wichtig, dass trans Rollen mit trans Schauspieler:innen besetzt werden?
trans Darsteller:innen erhalten ohnehin selten Angebote, deshalb fällt mit jeder cis Besetzung einer trans Rolle auch eine reale Chance weg. Gelebte Erfahrung fließt zudem in Details ein, die sich schwer nachstellen lassen. Und ein cis Mann in einer trans Frauenrolle kann den Eindruck verstärken, trans Sein sei eine Verkleidung.
Welche Filme gelten als Meilensteine für trans Repräsentation?
Boys Don't Cry (1999) brachte das Thema in den Mainstream, blieb aber wegen der cis Besetzung umstritten. Tangerine (2015) und A Fantastic Woman (2017) mit Daniela Vega gelten als Wendepunkte hin zu authentischer Besetzung. Im Fernsehen setzte die Serie Pose neue Maßstäbe für ein ganzes trans Ensemble.
Worum geht es in der Doku Disclosure?
Disclosure (2020) von Sam Feder untersucht über ein Jahrhundert Hollywood-Geschichte daraufhin, wie trans Menschen dargestellt wurden. Das Fazit: In der großen Mehrheit der Filme und Serien erscheinen sie als Witzfigur, Lügner oder Gewaltopfer. Der Film ist auf Netflix verfügbar und kommt überwiegend trans Filmschaffende zu Wort.
Wie wurden trans Figuren im frühen Kino dargestellt?
In den 1950er- und 1960er-Jahren verknüpften viele Produktionen Geschlechtervarianz mit Täuschung, Krankheit oder Gewalt. Filme wie Psycho (1960) und Homicidal (1961) inszenierten das Überschreiten von Geschlechtergrenzen als Zeichen einer gestörten Psyche. Erst ab den 1970er-Jahren tauchten vereinzelt empathischere Erzählungen auf.
Wie steht es um trans Repräsentation im deutschsprachigen Kino?
Der Wandel verläuft hierzulande langsamer als in den USA. trans Schauspieler:innen bekommen wenige Rollen, und diese spielen oft vor oder während der Transition, während Geschichten danach selten erzählt werden. Ein eigenständiges Beispiel ist Neubau (2020), bei dem Tucké Royale Drehbuch und Hauptrolle übernahm.
Reicht authentische Besetzung allein für gute Repräsentation?
Nein. Entscheidend ist auch, ob eine Figur als vollständiger Mensch geschrieben wird statt nur über ihre Transition. Ebenso wichtig ist, dass trans Stimmen im Drehbuch und in der Regie mitwirken, weil sonst alte Klischees zurückkehren.