Cheryl Duny es Film von 1996 verbindet Liebesgeschichte, Komödie und eine erfundene Recherche über eine vergessene Schauspielerin. Gerade diese Fiktion stellt die Frage, wer in der Filmgeschichte einen Namen bekommt.
1996 drehte Cheryl Dunye mit The Watermelon Woman ihren ersten Langfilm. Sie spielt Cheryl, eine junge Schwarze lesbische Frau in Philadelphia, die in einer Videothek arbeitet und einen Dokumentarfilm machen will. Ihr Ausgangspunkt ist eine Nebendarstellerin aus einem alten Hollywoodfilm, die im Abspann nur als „The Watermelon Woman“ erscheint. Cheryl versucht, ihren Namen und ihr Leben zu rekonstruieren.
Das klingt zunächst nach einer Detektivgeschichte über Filmgeschichte. Der Film bleibt aber nicht bei der Frage, wer diese Frau war. Er zeigt auch, wie schwer es ist, nach Menschen zu suchen, die von Archiven, Abspännen und Geschichtsschreibung kaum erfasst wurden. Dunye verbindet die Recherche mit Cheryls Alltag, ihrer Beziehung zu Diana und der Arbeit an ihrem eigenen Film. Komödie, Liebesgeschichte und angebliche Archivaufnahme laufen dabei ineinander.
Die erfundene Schauspielerin ist Absicht
Fae Richards, die Frau hinter dem Namen „The Watermelon Woman“, hat nie existiert. Auch die alten Filmfotos, Interviews und Dokumente sind für den Film hergestellt worden. Genau diese Täuschung gehört zum Konzept: Dunye macht spürbar, wie überzeugend ein Archiv aussehen kann, selbst wenn seine Lücken und seine Ordnung erfunden sind.
Die Film Collaborative, die den Film vertreibt, verweist auf Duny es eigene Erklärung: Die Figur entstand aus dem Mangel an Material über Schwarze Frauen und lesbische Geschichte im US-Kino. Deshalb ist der Film keine Biografie einer übersehenen Person. Er ist eine Fiktion über die Bedingungen, unter denen bestimmte Biografien überhaupt auffindbar werden. Wer ihn zum ersten Mal sieht, darf über die erfundene Quelle stolpern. Das ist Teil der Erfahrung, nicht ein Fehler des Films.
Hollywood, Rassismus und das, was nicht im Abspann steht
Der Name der Figur verweist auf das rassistische „Mammy“-Klischee, in dem Schwarze Frauen im klassischen US-Film oft auf dienende Rollen festgelegt wurden. Die Recherche im Film beginnt bei diesem Blick von außen. Nach und nach fragt Cheryl, ob hinter der stereotypen Rolle eine Schauspielerin mit einer eigenen Geschichte stehen könnte, und ob diese Geschichte auch lesbisches Leben einschloss.
Dabei vermeidet Dunye eine glatte Lektion. Die Gesprächspartnerinnen im Film widersprechen sich, Erinnerungen bleiben unvollständig, und Cheryls Recherche ist immer auch persönlich. Der Film behauptet nicht, eine verlorene Vergangenheit endgültig freizulegen. Er zeigt vielmehr, dass fehlende Unterlagen keine Abwesenheit bedeuten.
Für das queere Kino war diese Perspektive damals selten zu sehen. Das American Film Institute bezeichnet den Film als ersten US-Kinolangfilm einer offen Schwarzen lesbischen Regisseurin. Auch das British Film Institute ordnet ihn dem New Queer Cinema zu. Solche Einordnungen sind wichtig, sollten aber den Blick auf den Film selbst nicht ersetzen: The Watermelon Woman ist zugleich witzig, unbequem und sehr konkret in seinem Philadelphia der 1990er Jahre.
Warum die Form so viel erzählt
Der Film wechselt zwischen nachgestellten historischen Bildern, Interviews, Videoaufnahmen und einer Gegenwartshandlung. Dadurch wirkt er an manchen Stellen wie ein Dokumentarfilm, obwohl er einer ist, der seine Belege erfindet. Diese Form macht die Zuschauer:innen zu Mitlesenden. Welche Aufnahme erscheint glaubwürdig? Welches Detail halten wir für einen Beweis, weil es in Schwarzweiß gedreht wurde oder aus einem Archivkarton kommt?
Die Antwort bleibt bewusst offen. Dunye nutzt die Mittel des Dokumentarfilms nicht, um Fakten vorzutäuschen, sondern um die Autorität dieser Mittel sichtbar zu machen. Das unterscheidet den Film von einer einfachen Parodie. Seine Frage richtet sich auch an reale Archive und an die Filmindustrie: Wer wird mit vollem Namen geführt, wer nur als Typ, und wessen Material wird bewahrt?
Ein guter Einstieg, wenn du queeres Kino anders lesen willst
Wer eine geradlinige historische Dokumentation erwartet, wird sich erst auf die Spielregeln einlassen müssen. Hilfreich ist es, den Film zunächst ohne den Auftrag zu schauen, jedes Detail sofort einzuordnen. Danach lohnt ein Blick auf seine Entstehung und auf die fiktive Figur Fae Richards.
Der Film enthält sexuelle Szenen und rassistische Sprache im historischen Kontext. Die britische Altersfreigabe nennt außerdem eine kurze Gewaltdarstellung. Für eine gemeinsame Vorführung kann es sinnvoll sein, das vorher anzusprechen, besonders wenn die Gruppe über Rassismus und queere Repräsentation diskutieren möchte.
The Watermelon Woman erhielt 1996 bei der Berlinale den Teddy Award. Fast drei Jahrzehnte später funktioniert er noch, weil er kein geschlossenes Geschichtsbild anbietet. Er fordert dazu auf, auf die Ränder eines Bildes zu achten, auf fehlende Namen und auf die Menschen, die ihre Geschichte selbst erzählen müssen.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 25. September 2026